Vom Parlamentspräsidenten zum Deuxième Cru: die Geburt eines Pauillac-Klassikers
Die Geschichte von Château Pichon-Longueville reicht bis ins Jahr 1694 zurück, als Baron Jacques de Pichon-Longueville, erster Präsident des Bordeaux-Parlaments, das Weingut durch Heirat mit der Erbtochter der Familie de Rauzan erwarb. Aus einem einfachen Gutshof entwickelte er ein Weingut, das schnell einen ausgezeichneten Ruf in der Appellation Pauillac erlangte. Nach seinem Tod 1850 wurde das ursprünglich einheitliche Anwesen unter seinen fünf Kindern aufgeteilt: Der Anteil von Baron Raoul de Pichon-Longueville wurde zu Château Pichon Baron, der Anteil seiner drei Schwestern zum heutigen Château Pichon-Longueville Comtesse de Lalande. Baron Raoul ließ 1851 das markante Schlossgebäude errichten — mit seinen zwei charakteristischen Türmen und dem Wassergraben davor ein Wahrzeichen des Médoc. Nur wenige Jahre später, bei der Pariser Weltausstellung 1855 auf Wunsch Napoleons III., wurde der Wein als Deuxième Grand Cru Classé eingestuft. Nach mehreren Besitzerwechseln — darunter fünf Jahrzehnte in den Händen der Familie Bouteiller — übernahm 1987 AXA Millésimes das Château und leitete eine umfassende Erneuerung ein, die das Weingut zu neuem Glanz führte.
Terroir, Selektion und das Handwerk hinter dem Grand Vin
Das Weingut umfasst 73 Hektar auf quartären Kiesböden im Süden der Gemeinde Pauillac — ein Terroir, das an das unmittelbar benachbarte Château Latour grenzt. Die Bepflanzungsdichte liegt bei 9.000 Rebstöcken pro Hektar, mit einem Rebsortenspiegel von 65 % Cabernet Sauvignon, 30 % Merlot sowie kleinen Anteilen Cabernet Franc und Petit Verdot. Die Lese erfolgt ausschließlich von Hand; die Trauben werden parzellenweise nach Rebsorte, Alter der Reben und Reife sortiert und separat vinifiziert.
Seit 2001 gilt im Keller ein konsequentes Selektionsprinzip: Nur die Parzellen des historischen Kernterroirs — rund 40 Hektar — fließen in den Grand Vin ein. Der Ausbau erfolgt 18 bis 20 Monate in französischen Barriques mit bis zu 80 % Neuholzanteil in starken Jahrgängen, in schmaleren Jahrgängen entsprechend geringer. Seit 2022 wird der Petit Verdot zusätzlich in Amphoren vinifiziert. Die technische Leitung liegt seit Mai 2022 bei Pierre Montégut; Kellermeisterin und Winzerin Alexandra Lebossé ist seit 2017 für die Vinifikation verantwortlich.
Kraftvoller Pauillac-Stil und ein Sortiment mit klarer Handschrift
Pichon Baron steht für den maskulinen, Cabernet-geprägten Pauillac-Typus: dichtes Fruchtprofil mit Schwarzkirsche, Cassis und Zedernholz, feste, gut strukturierte Tannine und ein langer, mineralischer Abgang. Im Vergleich zum Nachbarn Comtesse de Lalande zeigt der Wein mehr Gewicht und Textur — ein Stil, der Zeit braucht, um sich zu entfalten, dafür aber außerordentliche Tiefe entwickelt.
Neben dem Grand Vin produziert das Gut zwei Zweitweine: Les Tourelles de Longueville, seit 1983 im Sortiment, stammt aus Parzellen mit lehmigeren Böden und ist Merlot-betont — zugänglicher im Stil, mit weicherem Mundgefühl und einer Aromatik, die eher an die Weine der Rive Droite erinnert. Les Griffons de Pichon Baron, eingeführt 2012, schlägt mit einem höheren Cabernet-Sauvignon-Anteil einen klassischeren Pauillac-Kurs ein: Florales Profil, Schwarzbeeren-Frucht, feste Struktur. Alle drei Weine spiegeln konsequent das Terroir des Guts wider — Pichon Baron ist Pauillac ohne Kompromiss.