Von der Maison Noble zum Troisième Grand Cru: vier Jahrhunderte Saint-Julien
Die Geschichte von Château Lagrange beginnt nicht mit einer Klassifikation, sondern im Mittelalter. Schon damals wuchsen auf dem Gelände der späteren Maison Noble de Lagrange Monteil Reben, und urkundliche Erwähnungen des Weinbergs reichen bis ins Jahr 1631 zurück. Im 18. Jahrhundert gehörte das Gut dem Baron de Brane — dem Mann, dessen andere Besitzungen später als Mouton Rothschild und Brane-Cantenac berühmt werden sollten. 1790 erwarb Jean Valère Cabarrus, Finanzminister Napoleons I. in Spanien, das Anwesen und ließ den markanten Turm durch den Pariser Architekten Louis Visconti errichten — denselben, der auch Napoleons Grabmal in den Invalides entwarf. Unter Graf Charles-Marie Tanneguy Duchâtel erreichte Lagrange seinen historischen Höhepunkt: 1855 wurde es als Troisième Grand Cru Classé eingestuft. Bereits 1787 hatte Thomas Jefferson das Gut in seiner persönlichen Bewertung als Third Growth eingeordnet — fast 70 Jahre vor der offiziellen Klassifikation.
Nach dem Tod Duchâtels begann eine lange Phase des Niedergangs. Phylloxera-Krise, zwei Weltkriege und wirtschaftlich schwache Jahrzehnte zermürbten das Weingut. Als die Familie Cendoya, letzte Privateigentümer seit 1925, das Gut 1983 an den japanischen Getränkekonzern Suntory verkaufte, standen gerade noch rund 56 Hektar unter Reben — viele davon krank oder falsch bepflanzt.
Suntorys Langzeitwette: Replantage, Terroir-Kartierung, Nachhaltigkeit
Der Kauf durch Suntory-Präsident Keizo Saji im Jahr 1983 war in Bordeaux zunächst umstritten. Was folgte, war eine der konsequentesten Rehabilitierungen eines klassifizierten Gutes überhaupt: Suntory investierte ein Vielfaches des Kaufpreises, ließ 60 Hektar Reben neu anpflanzen, sanierte den Keller von Grund auf und kaufte angrenzende Parzellen zurück, um den historischen Weinberg in seiner ursprünglichen Ausdehnung wiederherzustellen. Marcel Ducasse übernahm die Leitung — und schuf noch im selben Jahr mit Les Fiefs de Lagrange den Zweitwein des Guts, um die Selektion für den Grand Vin zu verschärfen.
Heute erstrecken sich 118 Hektar Reben als ein zusammenhängender Block im Südwesten der Appellation — eine Rarität im zerstückelten Médoc. Eine akribische Bodenkartierung mit über 200 Probebohrungen legte 17 unterschiedliche Bodentypen frei, von Gunzian-Kies mit bis zu 80 Prozent Steinanteil bis hin zu lehmigen Sandböden. Das Ergebnis: 103 klar definierte Parzellen, die individuell bewirtschaftet und separat vinifiziert werden. Vier Önologen arbeiten ganzjährig gemeinsam mit dem Weinbergsteam, ein fünfter stößt während der Assemblage hinzu. Die Philosophie von Suntory — „Living in harmony with nature" — übersetzt sich in konkrete Maßnahmen: Terra-Vitis-Zertifizierung seit 2005, ISO-14001- und HVE-Zertifizierung (Haute Valeur Environnementale) seit 2017, traditionelle Bodenbearbeitung durch Pflügen, Versuche mit ökologischem und biodynamischem Weinbau sowie Schafbeweidung im Winter zwischen den Rebzeilen.
Cabernet Sauvignon als Leitfaden: der Stil der Lagrange-Weine
Der Grand Vin von Château Lagrange folgt der klassischen Saint-Julien-Logik: rund 65 Prozent Cabernet Sauvignon, ergänzt durch Merlot und Petit Verdot, gewachsen auf Kiesböden, die Wärme speichern und den Reben eine natürliche Konzentration abverlangen. In der Nase zeigen die Weine schwarze Johannisbeere, Zedernholz und ein graphitisches Mineral, das direkt aus dem Kiesuntergrund kommt. Am Gaumen prägen feine, dicht gewebte Tannine und eine für Saint-Julien typische Frische das Bild — selbst in heißen Jahrgängen hält das Gut den pH-Wert konstant niedrig, was dem Wein Präzision und Spannung sichert. Mit Les Fiefs de Lagrange bietet das Gut einen zugänglicheren Einstieg in denselben Terroir-Ausdruck: fruchtbetonter, früher trinkbar, aber mit demselben strukturellen Rückgrat. Daneben produziert Lagrange seit 1996 mit Les Arums de Lagrange einen trockenen Weißwein aus Sauvignon Blanc, Sauvignon Gris und Sémillon — im Médoc nach wie vor eine Ausnahmeerscheinung.