Von der Familie Libéral zum Cinquième Grand Cru Classé
Der Name des Châteaus trägt seine Geschichte bereits in sich: Haut-Bages verweist auf die erhöhten Lagen des Weilers Bages im Süden der Appellation Pauillac, Libéral auf die gleichnamige Familie, die das Gut im frühen 18. Jahrhundert aufbaute. Als Bordeaux-Négociants von Vater zu Sohn zusammenstellend, vereinten sie über Jahrzehnte die besten Parzellen dieser Plateau-Lage — mit Nachbarschaft zu Château Latour auf der einen und Château Pichon Baron auf der anderen Seite. 1855 wurde das Château als Cinquième Grand Cru Classé in die berühmte Médoc-Klassifikation aufgenommen, zu einem Zeitpunkt, als die Familie Libéral noch die Geschicke des Guts lenkte.
Nach wechselnden Eigentümern — darunter die Familie Cruse, die ab 1960 eine vollständige Neubepflanzung vornahm — erwarb Jacques Merlaut das Château 1982. Er betraute zunächst seine Tochter Bernadette mit der Leitung aller seiner Güter. Nach ihrem frühen Tod wandte er sich an Claire, Bernadettes älteste Tochter. Unter dem Dach ihres Großvaters lernte Claire Villars-Lurton das Bordeaux-Handwerk von Grund auf; seit 2000 trägt sie die Gesamtverantwortung für das Château. 2017 ließ sie Keller und historische Gebäude grundlegend sanieren.
Biodynamie, Agroforst und das Bekenntnis zum lebendigen Boden
Was Claire Villars-Lurton von vielen ihrer Pauillac-Kollegen unterscheidet, ist die Konsequenz, mit der sie ökologisches Wirtschaften in den Weinberg getragen hat. Ab 2007 begann die Umstellung auf biologisch-biodynamische Bewirtschaftung; seit 2019 ist das Gut offiziell bio-zertifiziert, seit 2022 trägt es das Demeter-Label für Biodynamie. Gemeinsam mit ihrem Mann Gonzague Lurton bewirtschaften sie heute die größte zertifiziert biodynamische Rebfläche in ganz Bordeaux.
Im Weinberg wachsen zwischen den Reben Obstbäume, Ahorne, Ulmen und Hartriegel; Böden werden mit Roggen, Senf, Klee und Lupinen begrünt. Agroforst und Agroökologie sind dabei keine Selbstzweck-Symbolik, sondern Mittel zur Bodengesundheit: Die Bepflanzung lockert den Boden, hält Feuchtigkeit, schafft Lebensraum für Vögel, Insekten und Mikroorganismen, die chemischen Pflanzenschutz schlicht überflüssig machen. Vinifiziert wird in Beton- und Edelstahlbehältern, deren Volumen an die einzelnen Parzellen angepasst ist.
Mineralität, Tanninstruktur und die Handschrift von Pauillac
Die 30 Hektar Rebfläche teilen sich auf zwei Hauptlagen auf: eine Hälfte auf dem historischen Bages-Plateau mit tiefem Kiesboden, die andere auf einem kalksteingeprägten Hügel direkt an der Gironde — eine Kombination, die in Pauillac selten ist und dem Wein seine charakteristische Mineralität gibt. Gepflanzt sind rund 70 % Cabernet Sauvignon und 30 % Merlot; ausgebaut wird 16 Monate in französischen Eichenfässern, davon rund 40 % neu.
Im Glas zeigen sich feste, dabei fein gewebte Tannine, eine lebhafte Säurestruktur und ein langer, voluminöser Abgang — klassisches Pauillac-Fundament, das durch die kalksteinbetonte Lage eine kühlere, salzige Note bekommt. Neben dem großen Wein erscheint La Chapelle de Haut-Bages Libéral als Zweitetikett sowie seit 2020 die Cuvée Cérès: ein schwefelfreier Naturwein aus Merlot-Parzellen, die ausschließlich agroökologisch und mit Agroforst bewirtschaftet werden — und damit der konsequente Ausdruck eines Châteaus, das Pauillac-Tradition und zeitgemäßes Weindenken verbindet.