Von der mittelalterlichen Lordschaft zum modernen Bordeaux-Gut
Die Geschichte von Château Carignan reicht weit vor die Weingeschichte des Bordelais zurück. Das Anwesen steht auf den Fundamenten einer römischen Villa, und im 11. und 12. Jahrhundert war es bereits Sitz einer feudalen Herrschaft. Seinen entscheidenden Auftritt in der Geschichte der Region erhielt das Gut im 15. Jahrhundert: König Karl VII. von Frankreich schenkte das Domaine Jean Poton de Xaintrailles, einem Marschall von Frankreich und Waffengefährten Jeanne d'Arcs. Xaintrailles ließ das Château 1452 wiederaufbauen — der Kern dieses Baus steht noch heute. In den folgenden Jahrhunderten wechselten illustre Eigentümer das Gut: die Familie Montesquieu, General Étienne Donna als Adjutant von Joseph Bonaparte, und mehrere weitere Dynastien, die das Anwesen bewahrten und prägten. 1981 erwarb Philippe Pieraerts das Château, bevor es 2007 in die Hände von Andy Lench überging, der als Négociant mit Bordeaux Wine Locators tief in der Weinwelt des Bordelais verwurzelt ist. Seitdem lenkt Kellermeister Olivier Frulio das Weingut, beraten von Louis Mitjaville — dem Mann hinter Château Tertre Roteboeuf, einem der renommiertesten Erzeuger des rechten Ufers.
Tonnenschwere Geschichte, leichter Fuß auf dem Boden: Philosophie und Arbeit im Weinberg
Château Carignan liegt in der Gemeinde Carignan-de-Bordeaux, rund zehn Kilometer vom Stadtzentrum Bordeaux entfernt, auf den Hügeln des rechten Garonne-Ufers innerhalb der Appellation Cadillac Côtes de Bordeaux — eine AOC, die das Gut seit ihrer Anerkennung 1973 trägt. Von 150 Hektar Gesamtfläche sind 65 Hektar mit Reben bestockt, auf Ton-Kalkstein-Hängen, die mit kiesigen Flusssedimenten bedeckt sind und nach Süden bis Südwesten ausgerichtet liegen. Diese Exposition sichert die Nachmittagssonne, während der tonige Untergrund auch in trockenen Sommern Feuchtigkeit hält. Die Rebstöcke stehen im Schnitt seit 45 Jahren im Boden — alt genug, um tief in den Kalkfels zu wurzeln und die Erträge auf natürlichem Weg zu regulieren.
Im Weinberg verwendet das Team ausschließlich natürliche organische Düngemittel und setzt Pflanzenschutzmittel kontrolliert ein. Das Gut hält die Zertifizierung HVE (Haute Valeur Environnementale), die ökologische, wirtschaftliche und soziale Kriterien der modernen Weinwirtschaft bewertet. Gelesen wird teils maschinell, teils von Hand. Im Keller findet die malolaktische Gärung in Edelstahltanks statt; die Ganzbeeren-Vinifikation schont die aromatische Struktur der Früchte.
Merlot-geführte Rotweine mit Struktur und Tiefe
Das Herzstück des Sortiments sind Merlot-dominierte Rotweine, ergänzt durch Cabernet Sauvignon und Cabernet Franc — eine Assemblage, die dem rechten Ufer des Bordelais entspricht und dem schweren, kalkigen Boden hier gerecht wird. Der Gutsname-Wein reift 18 Monate in neuen französischen Eichenfässern: Das Ergebnis ist ein Glas mit Röst-, Kaffee- und Vanillenoten in der Nase, das sich zu sehr reifen Schwarzfrüchten öffnet. Am Gaumen zeigt er dichte, aber gut integrierte Tannine und eine anhaltende Länge. Empfehlung: 16–18 °C Serviertemperatur, dazu Lammrücken, Wildschweinragout oder kräftiger Comté.
L'Orangerie de Carignan ist der zugänglichere Bruder: jüngere Rebstöcke, Mikrooxygenation im Tank statt Fassausbau, daher frischer, fruchtiger — Cassis, rote Johannisbeere, ein seidiger Körper. Passend zu Gegrilltem und Alltagsküche, serviert zwischen 13 und 17 °C. Beide Cuvées belegen, dass Cadillac Côtes de Bordeaux ein Landstrich ist, der klassische Bordeaux-Struktur ohne das Preisschild der großen linken-Ufer-Namen liefern kann.