Vom Domaine Guilhem Hosten zum Deuxième Grand Cru Classé
Die Geschichte von Château Brane-Cantenac reicht bis ins frühe 17. Jahrhundert zurück, als das Gut noch unter dem Namen Domaine Guilhem Hosten bekannt war. Die Familie Gorce entwickelte Weinberg und Anwesen im späten 18. Jahrhundert zu einem der gefragteren Betriebe im Médoc. Den entscheidenden Schritt vollzog Baron Hector de Brane, der das Gut 1833 erwarb — nachdem er zuvor Château Mouton, das heutige Mouton Rothschild, verkauft hatte. Gemeinsam mit seinem Sohn Jacques-Maxime prägte er den Ruf der Anlage so nachhaltig, dass sie seinen Namen annahm: Brane-Cantenac. Die Familie gilt als eine der treibenden Kräfte hinter der Verbreitung des Cabernet Sauvignon im Médoc. 1855 wurde das Château als Deuxième Grand Cru Classé eingestuft — eine Einstufung, die bis heute unverändert gilt.
Nach wechselvollen Besitzverhältnissen — darunter die Familie Roy und die Société des Grands Crus de France — gelangte das Gut 1925 in den Besitz von François Lurton. Damit begann die Ära, die Brane-Cantenac bis heute prägt. Lucien Lurton übernahm das Erbe seines Vaters 1956, und seit 1992 führt Henri Lurton, sein Sohn, das Château als vierte Generation der Familie. Heute ist bereits die fünfte Generation mit von der Partie: Henri Lurtons Tochter Madeleine verantwortet Marketing und Kommunikation.
Terroir-Fokus, Wissenschaft und konsequenter Verzicht auf Kompromisse
Henri Lurton brachte nach einem Biologiestudium, einem DEA in Önologie und Ampelologie an der Universität Bordeaux sowie Erfahrungen in Südafrika, Australien und Chile eine ungewöhnlich breite wissenschaftliche Basis mit zurück ins Familienweingut. Diese Prägung ist im Weinberg spürbar: Brane-Cantenac arbeitet seit Jahren mit der Fakultät für Önologie Bordeaux zusammen und ist Schauplatz laufender Versuchsreihen — von präzisem Parzellenmanagement bis zu mikrobiologischen Kontrollen im Keller. Optische Traubenlesetechnik ermöglicht eine Selektion, die weit über das im Médoc übliche Maß hinausgeht.
Einen klaren Schwenk vollzog Henri Lurton ab 2010, als Teile des Weinbergs auf Bio-Landbau umgestellt wurden; parallel wurde ein Umweltmanagementsystem eingeführt, das Wasserverbrauch, Spritzmitteleinsatz und Recycling im Blick behält. Das Grand Vin entsteht ausschließlich aus den 35 Hektar der sogenannten Terrasse 4 auf dem Cantenac-Plateau — einem der tiefgründigsten Kiesböden des Médoc, der auf quartärem Schotter gründet und auf 22 Metern Höhe liegt. Henri Lurtons Vater vinifizierte noch aus dem gesamten Rebland; Henri konzentrierte die Grand-Vin-Produktion bewusst auf dieses eine Herzstück. Der Ausbau des Grand Vin erfolgt in 100 Prozent neuem französischem Eichenholz — eine Entscheidung, an der Lurton trotz des aktuellen Trends zur Reduktion des Neuholzanteils festhält.
Cabernet-Tiefe mit Margaux-Finesse — und ein wachsendes Sortiment
Das 75 Hektar große Rebland ist auf Cabernet Sauvignon (rund 55 Prozent) und Merlot (rund 40 Prozent) ausgerichtet, ergänzt durch Cabernet Franc und — seit dem Jahrgang 2011 — eine kleine Menge Carmenère, eine der seltensten Rebsorten im Médoc. Das Ergebnis sind Weine mit der strukturierten Tannin-Architektur des linken Ufers, die sich durch die charakteristische Finesse der Margaux-Appellation auszeichnen: Brombeere, Veilchen, Zedernholz, mit zunehmender Tiefe auch Trüffel und Tabak.
Neben dem Grand Vin umfasst das Sortiment den Baron de Brane — keine klassische Zweitwein-Abfüllung, sondern eine eigenständige Parzellenauswahl aus den Terrassen 3 und 5, zwölf Monate in Fässern mit 30 Prozent Neuholz ausgebaut. Dazu kommt Margaux de Brane als weiterer Wein aus dem Hause. Baron de Brane und Margaux de Brane bieten so einen zugänglicheren Einstieg in die Stilistik des Gutes, ohne dessen Anspruch aufzugeben. Brane-Cantenac versteht seine Weine ausdrücklich nicht als reine Sammlerobjekte, sondern als Flaschen, die geöffnet, geteilt und am Tisch erlebt werden sollen.