Von Bertrand d'Angludet zu sechs Generationen Sichel
Die Geschichte dieses Guts beginnt nicht im 19. Jahrhundert, sondern im 12. Jahrhundert: Château Angludet geht auf eine adlige Residenz zurück, die der Ritter Bertrand d'Angludet um 1150 im heutigen Cantenac errichtete — der Name bedeutet wörtlich „Winkel des Hochlands". Seit 1758 blieb die Konfiguration des Weinbergs nahezu unverändert; 93 Prozent der heutigen Rebfläche tragen seit mehr als 250 Jahren Weinreben. Diese Kontinuität ist für den Médoc ausgesprochen selten.
Den modernen Neuanfang brachten Diana und Peter Sichel. Die Familie war seit 1883 als Négociant auf der Place de Bordeaux etabliert und hielt bereits seit 1938 eine Beteiligung an Château Palmer, als sie 1961 Angludet kauften — und sofort als Wohnort bezogen. Das Gut war damals verwahrlost: Der Frost von 1956 hatte den Weinberg auf unter sieben bepflanzte Hektar reduziert. Peter Sichel investierte über vier Jahrzehnte in die Erneuerung der Rebstöcke und des Kellers, bis aus dem Ruinenstück eines der angesehensten Güter in der Appellation Margaux wurde. Heute steht die sechste Sichel-Generation in den Weinbergen — fünf Söhne von Peter und Diana, aufgewachsen auf dem Gut, und deren Kinder.
Lebendige Böden als Kernaufgabe: Benjamin Sichels Leitbild
Seit 1989 leitet Benjamin Sichel das Château, und sein Ansatz geht weit über klassische Bordeaux-Landwirtschaft hinaus. Der Weinberg umfasst rund 30 Hektar Reben, in einem einzigen Stück auf einem Kiesgrat in der AOC Margaux gelegen, umgeben von Wald, Wiesen und einem Bach. Der sandige Kiesboden entwässert gut und gibt den Reben genug Stress, um Tiefe zu entwickeln.
Biologischer und biodynamischer Anbau sowie Agroforstwirtschaft stehen im Mittelpunkt. 2017 begann Benjamin Sichel, Obstbäume — Apfel, Pfirsich, Pflaume — zwischen und neben den Rebzeilen zu pflanzen; heute stehen über 200 Bäume im Weinberg und fördern Insekten, Pilze und das Bodenleben. Das Gut ist nach ISO 14001 und HVE3 (Haute Valeur Environnementale, Stufe 3) zertifiziert, die Demeter-Biodynamik-Zertifizierung ist in Vorbereitung. Das erklärte Ziel: das Land in besserem Zustand weiterzugeben, als man es übernommen hat.
Im Keller folgt auf die manuelle Lese eine sorgfältige Selektion, bevor der Most in temperaturkontrollierten Tanks vergoren wird. Die Reifung erfolgt in französischen Eichenbarriques, die dem Wein Struktur geben, ohne die Frucht zu überdecken.
Cabernet-Dominanz, Margaux-Eleganz, Jahrgangstreue
Der Weinberg ist mit 46 % Cabernet Sauvignon, 41 % Merlot und 13 % Petit Verdot bepflanzt — ein Verhältnis, das seit den 1990er-Jahren bewusst in Richtung mehr Merlot und Petit Verdot verschoben wurde, um Textur und aromatische Komplexität zu stärken. Die Weine zeigen das klassische Margaux-Profil: dunkle Beeren, Veilchen und eine feine Würze im Hintergrund, getragen von einer seidigen Tanninstruktur. Petit Verdot bringt Farbe und Länge in den Abgang.
Das Gut produziert neben dem Hauptwein einen Zweitwein (La Ferme d'Angludet) sowie einen Clairet. Die Weine von Angludet lesen sich nicht als polierte Stilübung im Médoc-Hochglanz, sondern als ehrliche Abbilder ihres Jahrgangs und ihres Terroirs — in der britischen Weinwelt seit Jahrzehnten verlässlich gelistet und geschätzt. Trinktemperatur: 17–18 °C. Passt zu Lammrücken mit Kräuterkruste, gereiftem Comté oder Entenbrust.