Vom Tuchhändler zur ältesten Champagne-Maison der Welt
Am 1. September 1729 trug Nicolas Ruinart in sein erstes Kontobuch die Gründungsurkunde eines Hauses ein, das die Champagne für immer verändern sollte. Ruinart ist das älteste Champagnerhaus der Welt — gegründet keine fünfzehn Monate, nachdem Ludwig XV. mit seinem Edikt von 1728 den Flaschenversand von Wein erstmals erlaubt hatte. Ohne dieses Dekret wäre Champagner auf sein Entstehungsgebiet beschränkt geblieben; Nicolas Ruinart erkannte die Tragweite sofort. Den Anstoß gab sein Onkel, Dom Thierry Ruinart: Der Benediktinermönch und Gelehrte, der in der Abtei Saint-Germain-des-Prés bei Paris lebte und dort die Begeisterung des Adels für moussierenden Wein beobachtete, trug dieses Wissen in die Familie. Nicolas verstand — und handelte.
Zunächst gab er Champagner als Geschenk an die Kunden seines Tuchhandels weiter. Doch bereits 1735, nur sechs Jahre nach der Gründung, war die Nachfrage so groß, dass das Haus das Textilgeschäft vollständig aufgab und sich ausschließlich der Champagnerproduktion widmete. 1764 verschickte Ruinart erstmals einen Rosé-Champagner quer durch Europa — eine Pionierleistung, die das Haus weit vor seinen späteren Mitbewerbern Moët (1743) und Veuve Clicquot (1772) einordnet. 1817 wurde die Familie in den Adelsstand erhoben und nannte sich fortan Ruinart de Brimont; das Haus blieb über zwei Jahrhunderte in Familienhand. Seit 1987 gehört Ruinart zu LVMH — und ist dabei bewusst klein und handwerklich geblieben.
Kreide, Keller und Klimabewusstsein: die Arbeitsweise der Maison
Das Fundament von Ruinart ist buchstäblich aus Kreide. 1768 erwarb Claude Ruinart antike Crayères unter der Stadt Reims — gallo-römische Kalksteinbrüche, die sich über rund acht Kilometer erstrecken und bis zu 38 Meter unter der Erde reichen. Die konstante Temperatur von 10 bis 12 °C und die gleichbleibende Luftfeuchtigkeit schaffen ideale Bedingungen für die zweite Gärung, die Remuage und die lange Hefelagerung. 1931 wurden die Crayères als französisches Kulturdenkmal klassifiziert; 2015 erhielten sie als Teil des UNESCO-Welterbes „Champagne Hillsides, Houses and Cellars" internationale Anerkennung. Kellermeister Frédéric Panaïotis hat in jüngerer Zeit die Reifung unter Korken wieder eingeführt — eine bewusste Rückbesinnung auf das historische Handwerk des Hauses.
Im Weinberg setzt Ruinart seit den frühen 2000er-Jahren konsequent auf Nachhaltigkeit. Der Einsatz von Fungiziden und anderen Betriebsmitteln wurde seither um 50 % reduziert; Herbizide und Insektizide werden nicht mehr verwendet. Seit 2014 tragen die Weinberge der Maison die doppelte Zertifizierung „High Environmental Value" und „Sustainable Viticulture in Champagne". Das Vitiforestry-Projekt in den Lagen Sillery und Taissy — beide historisch mit dem Haus verbunden, Sillery als Grand Cru bereits in frühen Aufzeichnungen — fördert Biodiversität durch Hecken, Bäume und die Messung der Boden-DNA. Die Papierverpackung „Second Skin", zu 99 % aus Papier gefertigt, ersetzt seit 2020 den klassischen Karton und reduziert den CO₂-Fußabdruck der Flasche spürbar.
Chardonnay als Hausstil: Frische, Kreide, langer Abgang
Was Ruinart stilistisch von nahezu allen anderen großen Häusern unterscheidet, ist die konsequente Bindung an eine einzige Rebsorte. Jede Cuvée des Hauses basiert auf Chardonnay — weshalb Ruinart in Fachkreisen schlicht als „das Chardonnay-Haus" gilt. Die Trauben stammen überwiegend aus der Montagne de Reims und der Côte des Blancs, beides Lagen mit dem für Chardonnay idealen, kreidereichen Untergrund. Kellermeister Panaïotis beschreibt den angestrebten Stil als Gegenpol zu oxidativen Häusern: Frische Aromen, Lebendigkeit, Reinheit und Leuchtkraft sind das Ziel.
Das Sortiment spannt sich vom zugänglichen R de Ruinart Brut — einer Assemblage mit Chardonnay-Basis, die drei Jahre auf der Hefe reift — über den klaren, salzig-mineralischen Ruinart Blanc de Blancs bis zum Prestige-Cuvée Dom Ruinart Blanc de Blancs, ausschließlich aus Grand-Cru-Chardonnay vinifiziert und über ein Jahrzehnt in den Crayères gereift. Die Rosé-Linie, die auf eine Tradition von 1764 zurückgeht, ergänzt das Angebot mit Tiefe und Struktur. Alle Champagner sind brut — süße Cuvées produziert Ruinart nicht. Dazu passen: Austern, gegrillter Steinbutt, Ziegenkäse, helle Geflügelgerichte und — beim Dom Ruinart — reife Comté oder weiße Trüffel.