Von der Bottega am Königspalast zur Geburtsstunde des Vermouth
Die Geschichte des modernen Vermouth beginnt an einem präzisen Ort: einer kleinen Bottega auf der Piazza Castello in Turin, gegenüber dem Königspalast. 1786 kombinierte der Kräuterkundler Antonio Benedetto Carpano aus Bioglio im Piemont Moscato-Wein mit über 30 Botanicals — darunter Wermut, Vanille und Gewürze — und schuf so das erste kommerziell verbreitete Vermouth-Rezept. Das Getränk traf sofort den Nerv der Zeit: König Vittorio Amedeo III. ließ es an seinen Hof liefern, und Carpanos Laden hatte bald so viel Zulauf, dass er rund um die Uhr geöffnet war. Im 19. Jahrhundert wurde das Bottega-Konzept zur Industrieproduktion ausgebaut; Stammgäste wie Graf Cavour und der Komponist Giuseppe Verdi trugen zum Mythos des Hauses bei. 1939 übernahm der Turiner Industrielle Silvio Turati den Betrieb, 2001 schließlich Fratelli Branca — die Mailänder Destillerie, bekannt für Fernet-Branca — und führt das Erbe bis heute fort. Die Produktion läuft seither in Mailand.
Maceration, Assemblage und ein gut gehütetes Kräuter-Wissen
Vermouth ist ein aromatisierter, aufgespriteteter Wein — und seine Qualität steht und fällt mit der Qualität der Botanicals und der Geduld bei deren Verarbeitung. Carpano setzt auf eine mehrstufige Mazeration und Infusion sorgfältig ausgewählter Kräuter, Wurzeln und Gewürze, gefolgt von einer präzisen Assemblage der Komponenten. Die genauen Rezepturen — insbesondere jene der Antica Formula — gehen auf Carpanos handschriftliche Aufzeichnungen von 1786 zurück und werden als Hausgeheimnis behandelt. Fratelli Branca bringt dabei seine eigene, über Generationen aufgebaute Expertise im Umgang mit Botanicals ein, die das Haus bereits durch die Entwicklung von Fernet-Branca geschärft hat. Das Ergebnis ist ein Portfolio, das sowohl süße als auch trockene Stile umfasst — stilistisch schlüssig, aber in sich deutlich differenziert.
Antica Formula, Punt e Mes und ein Portfolio mit Charakter
Das Flaggschiff ist das Carpano Antica Formula: ein süßer roter Vermouth auf Basis der Originalrezeptur von 1786, mit Aromen von Vanille, getrockneten Früchten, Sternanis und Orangenschale — tief, warm und für sich allein im Glas ebenso überzeugend wie in einem Manhattan oder Boulevardier. Kalt serviert oder mit einem Stück Eis ist er ein klassischer Aperitif.
Daneben steht Punt e Mes — eine Kategorie für sich. Der Name geht auf eine Anekdote aus dem Jahr 1870 zurück: Ein Börsenmakler soll bei Carpano einen Vermouth mit einem halben Schuss Chinabitter bestellt haben — einen Punkt Süße, einen halben Punkt Bitterkeit. Dieses Verhältnis definiert bis heute den Charakter des Punt e Mes: ein intensiver Spagat aus Süße und ausgeprägter, chininartiger Bitterkeit, der jeden Negroni mit einer eigenen Kante versieht. 2020 kam der Carpano Botanic Bitter hinzu, ergänzt durch Dry, Bianco und Classico — ein Sortiment, das die gesamte Breite der Vermouth-Tradition abdeckt, ohne den Markenkern zu verwässern.