Vom Bauprojekt zum Pionier der Franciacorta
Die Geschichte der Familie Moretti ist tief mit Erbusco und der Franciacorta verwurzelt — alte Korrespondenz belegt ihre Präsenz in der Region seit dem 15. Jahrhundert. Als Vittorio Moretti 1977 auf dem Hügel, der dem Gut seinen Namen geben sollte, ein Anwesen erwarb, war seine erste Absicht bescheiden: ein paar Flaschen Stillwein für sich und Freunde. Schon im zweiten Jahr entstanden die ersten Metodo-Classico-Schaumweine, im dritten Jahr begann die eigentliche Produktion. Moretti, von Haus aus Unternehmer im Baugewerbe, erkannte das Potenzial der moränischen Böden und des subalpinen Mikroklimas früh — und war überzeugt, dass die Franciacorta das Zeug hatte, mit den besten Schaumweinen Frankreichs mitzuhalten. Heute gehört Bellavista zur Gruppe Terra Moretti, die Moretti gemeinsam mit seiner Tochter Francesca aufgebaut hat, und ist eines der Referenzgüter der gesamten Appellation.
Hundert Parzellen, eine Handschrift
Das Herzstück von Bellavista sind die rund 200 Hektar Eigenbesitz, verteilt auf elf Gemeinden der Franciacorta DOCG. Die Weinberge gliedern sich in mehr als hundert einzelne Parzellen, die auf Basis von Bodentyp, Exposition und Rebsorte getrennt bearbeitet und vinifiziert werden — Chardonnay, Pinot Nero und Pinot Bianco. Diese parzellengenaue Vinifikation ist die Voraussetzung für die Assemblage-Präzision, die den Hausstil definiert. Die Trauben werden ausschließlich von Hand gelesen. Im Keller fermentiert ein Teil der Grundweine in kleinen Eichenfässern, der Rest in Stahltanks; für die Nicht-Jahrgangscuvées fließen Reserveweine aus mehreren früheren Jahrgängen in den Blend ein. Seit 1981 prägte Önologe Mattia Vezzola den Stil des Hauses maßgeblich mit; heute leitet Francesca Moretti als Präsidentin das Weingut, unterstützt von Richard Geoffroy, dem langjährigen Kellermeister von Dom Pérignon. Die Philosophie im Weinberg folgt dem Schnittkonzept von Marco Simonit, das die Reben langfristig stärker und eigenständiger machen soll — bewässert wird nicht. Nachhaltigkeit im Sinne einer philologischen Treue zum Terroir ist dabei kein Marketingbegriff, sondern gelebte Praxis: Jede Handlung im Weinberg und im Keller gilt als Teil einer Kette, die den natürlichen Ausdruck der Lagen bewahrt.
Assemblage-Kunst und das Erbe von Kloster und Bühne
Der Stil von Bellavista ist auf Finesse, Spannung und Tiefe ausgerichtet — nicht auf Fülle um der Fülle willen. Die Nicht-Jahrgangs-Cuvées der Alma-Linie schöpfen aus mindestens 20 verschiedenen Reserveweinen und verdichten so die Komplexität mehrerer Jahrgänge in einem einzigen Glas. Am anderen Ende der Skala steht die Riserva Vittorio Moretti, ein Jahrgangswein aus Chardonnay und Pinot Nero, der mindestens sieben Jahre auf der Hefe reift und den Anspruch des Hauses auf Langlebigkeit und Charaktertiefe am deutlichsten formuliert. Daneben steht das Pas Operé als Non-Dosé-Ausdruck: ohne Dosage abgefüllt, direkt und mineralisch. Eine besondere Rolle spielt das Convento Santissima Annunciata — ein Weinberg rund um ein mittelalterliches Kloster zwischen Franciacorta und Brescia, dessen Chardonnay Bellavista vinifiziert und als Curtefranca Bianco DOC ausbaut: ein Stillwein, der die moränische Mineralität der Region auf eigene Weise festhält. Und seit Jahrzehnten verbindet eine Partnerschaft das Gut mit dem Teatro alla Scala in Mailand — jedes Jahr zur Saisoneröffnung steht ein Bellavista auf den Tischen des Hauses. Das ist kein Zufall: Vittorio Moretti baute sein Weingut mit derselben Haltung, mit der man ein Opernhaus baut — mit dem Anspruch, dass das Handwerk hinter der Kulisse das ist, was auf der Bühne zählt.