Vom Königswein zur spanisch-ungarischen Partnerschaft
Der Name Oremus trägt mehr Geschichte als die meisten Weinlagen Europas. 1631 war es der kalvinistische Prediger Maté Szepsi Lackó, der aus edelfaulen Trauben eben jenes Weinbergs den ersten Tokaji Aszú überhaupt kelterte und ihn der Fürstin Zsuzsanna Lorántffy darbrachte. Die Lage gab dem späteren Weingut seinen Namen — und der Name wurde zum Programm. Auf dem Etikett des Oremus Aszú steht bis heute Vinum regum, rex vinorum: Wein der Könige, König der Weine. Ludwig XIV. soll diesen Ausruf geprägt haben; Voltaire und Goethe fanden im Aszú Inspiration, und die ungarische Nationalhymne huldigte ihm. Ende des 19. Jahrhunderts rissen Reblaus, zwei Weltkriege und die kommunistische Planwirtschaft diese Tradition ab — staatliche Kollektive priorisierten Menge statt Qualität, und echter Tokaji wurde zur Legende.
Das änderte sich 1993: Die spanische Familie Álvarez, Eigentümerin des legendären Weinguts Vega Sicilia in der Ribera del Duero, begann nach dem Fall des Eisernen Vorhangs Verhandlungen mit dem ungarischen Staat und gründete Tokaj-Oremus als Kooperation. Ihr Ansatz war gründlich: Man setzte sich intensiv mit der Geschichte und den Produktionsprozessen des Tokaj auseinander, bevor die erste eigene Flasche gefüllt wurde. Tokaj-Oremus ist damit der erste Auslandsbesitz des TEMPOS-Vega-Sicilia-Konzerns — und bis heute sein einziges Weingut außerhalb Spaniens.
Schwerkraftkeller, Tuffsteingewölbe und der Weg zur ökologischen Bewirtschaftung
Das Herzstück der Kellerwirtschaft verbindet zwei Welten: 1999 wurde ein moderner Schwerkraft-Weinkeller errichtet, der schonende Verarbeitung ohne Pumpen ermöglicht. Die Gärung und der frühe Ausbau finden dort statt; danach übernehmen jahrhundertealte unterirdische Gewölbe im vulkanischen Tuffstein, deren Ursprünge bis ins 13. Jahrhundert reichen. Konstante Temperatur und hohe natürliche Luftfeuchtigkeit schaffen dort ideale Reifebedingungen — ganz ohne technische Regulierung. Den Aszú reift Oremus in traditionellen Gönc-Fässern aus 136 Litern ungarischer Eiche, die Holz aus den umliegenden Karpaten-Bergen liefert. Nach der Flaschenabfüllung folgt mindestens ein weiteres Jahr Flaschenreife, bevor ein Wein das Weingut verlässt.
Auf den Weinbergen arbeitet Oremus an der Umstellung auf ökologische Bewirtschaftung — ein anspruchsvolles Vorhaben im feuchten Tokaj-Klima. Laufende Versuche zu biodynamischen Methoden, Klonvielfalt und Klimaresilienz zeigen, dass die Álvarez-Gruppe hier denselben langen Atem anlegt wie in Spanien, wo Vega Sicilia seit über drei Jahrzehnten ohne Herbizide oder synthetische Düngemittel arbeitet.
Furmint, Aszú und Esszencia — das Spektrum eines Jahrhundertweinguts
Oremus bewirtschaftet rund 115 Hektar in zwölf historischen Lagen des Tokaj-Hegyalja, darunter Erstklassige Lagen wie Mandulás, Henye, Deák und die namensgebende Lage Oremus selbst. Alle Weine entstehen ausschließlich aus eigenem Lesegut. Die Böden wechseln zwischen vulkanischem Gestein, Tuffstein, Löss und Lehm — ein geologisches Mosaik, das die autochthonen Rebsorten Furmint, Hárslevelű, Sárgamuskotály und die seltene Zéta in sehr unterschiedliche Ausdrucksformen treibt.
Das Sortiment spannt einen weiten Bogen: Der trockene Mandulás Furmint zeigt, wie kraftvoll und lagerfähig die Rebsorte als Trockenwein sein kann — kühle Säure, mineralische Tiefe, kein Gramm Restsüße. Der Szamorodni steht zwischen trocken und halbtrocken, geprägt von spontanem Botrytis-Einfluss. Der Aszú — je nach Jahrgang mit drei oder mehr Puttonyos gekeltert — entsteht aus einzeln gelesenen, edelfaulen Beeren, die bis zu 24 Stunden mazerieren, bevor sie langsam in ungarischer Eiche vergären. Die absolute Rarität ist die Esszencia: reiner Freilauffmost aus botrytisierten Beeren, der durch sein extremes Zuckergewicht kaum vergärt und jahrzehntelang reifen kann.