Vom Ersten Gewächs des Königreichs zum Ankerpunkt einer Region
Der Name Disznókő – „Wildschweinstein" – taucht erstmals 1413 in historischen Quellen auf und bezieht sich auf einen großen Vulkanfelsen im Herzen der Weinberge. Dass dieses Terroir von besonderem Rang ist, erkannte man früh: 1732 klassifizierte König Karl III. das Gut als Erstes Gewächs (First Growth) des Tokaj-Hegyalja, einer der ältesten Weinbauklassifikationen der Welt – noch vor der berühmten Bordeaux-Einteilung von 1855. Jahrhundertelang wechselten die Weinberge zwischen den einflussreichsten Adelsfamilien Ungarns, darunter die Lónyay, Andrássy und Patay. Das kommunistische Regime verstaatlichte den Besitz und hinterließ die Lagen in einem schlechten Zustand: Die Reben waren auf ertragsstarken Flachlagen neu gezogen worden, Qualität hatte kaum Priorität. Den Wendepunkt brachte 1992 die Übernahme durch AXA Millésimes, die französische Weinsparte des AXA-Konzerns, die auch Châteaux wie Pichon-Longueville in Bordeaux und die Quinta do Noval im Douro betreibt. Bereits vom Jahrgang 1993 erschien der erste moderne Disznókő-Aszú – der Startschuss einer konsequenten Renaissance.
Ein geschlossenes Terroir, neu aufgestellt
Was Disznókő in der ansonsten stark parzellierten Tokaj-Hegyalja von Anfang an auszeichnet, ist die Geschlossenheit des Besitzes: Rund 110 zusammenhängende Hektar auf Hanglagen zwischen 135 und 250 Metern Höhe bilden ein einheitliches Terroir – in einer Region, in der Weinberge typischerweise auf Dutzende Kleinparzellen verteilt sind. Diese Besonderheit erlaubt eine lückenlose Kontrolle über Rebschnitt, Pflanzenschutz und Lese. Nach der Übernahme wurden die meisten Lagen neu bepflanzt – mit höherer Rebenanzahl pro Hektar, angepasster Ausrichtung und modernem Erziehungssystem. Historische Trockenmauern auf den Steilhängen wurden dabei restauriert. Der Boden besteht überwiegend aus Ton über mineralreichem vulkanischem Rhyolittuff mit Zeolithgehalt, stellenweise ergänzt durch Löss und Kalkstein – ein Bodentyp, der den Weinen ausgeprägte Mineralität und Struktur mitgibt. Das kontinentale Klima mit warmen Herbsttagen, kühlen Nächten und dem Morgennebel der Flüsse Bodrog und Tisza schafft die klimatischen Voraussetzungen für die Edelfäule, die den Aszú-Weinen ihre Konzentration verleiht. Die Kellerei wurde vom preisgekrönten Architekten Dezső Ekler in die Hanglandschaft integriert; das historische Presshaus aus dem 19. Jahrhundert steht unter Denkmalschutz. Disznókő produziert zudem zertifiziert biologisch.
Furmint in zwei Gesichtern – trocken und edelsüß
Das Sortiment von Disznókő zeigt die gesamte Bandbreite, die Furmint und Hárslevelű in Tokaj ermöglichen. Rund 60 Prozent der Anbaufläche sind mit Furmint bestockt, 30 Prozent mit Hárslevelű; Zéta und Sárgamuskotály ergänzen das Sortenspektrum. Auf der süßen Seite stehen die Tokaji Aszú – darunter der 5 Puttonyos –, der Édes Szamorodni sowie die seltene Eszencia: Weine, bei denen botrytisierte Beeren einzeln von Hand gelesen, getrennt eingemaischt und schließlich dem Basiswein zugesetzt werden. Die Zahl der Puttonyos bestimmt dabei den Grad der Konzentration und Süße. Auf der trockenen Seite zeigt der Tokaji Dry Furmint, was die vulkanischen Böden in einem anderen Aggregatzustand leisten: straffe Säure, klare Frucht, mineralischer Nachhall. Empfehlung für den Trockenen: 10–12 °C, zu Süßwasserfisch, Geflügel in Sahnesauce oder kräftigem Weichkäse. Die edelsüßen Aszú-Weine entfalten sich bei 8–10 °C am besten – als Begleitung zu Blauschimmelkäse, Gänseleber oder dunkler Schokolade, oder schlicht allein im Glas.