Von Ferrari-Sekt zu Sagrantino: die Lunellis in Umbrien
Die Familie Lunelli steht seit drei Generationen für Weinbau im Trentino — bekannt vor allem durch die Schaumweinmarke Ferrari Trento DOC, die sie seit Jahrzehnten führen. In den 1980er-Jahren begann die Familie, dieses Fundament um Stillweine zu erweitern, zunächst in Trentino, dann in der Toskana. 2001 folgte der nächste Schritt: Fasziniert von der alten, fast mystischen Landschaft Umbriens und von der Ausdruckskraft des Sagrantinos erwarb die Familie die Tenuta Castelbuono — 30 Hektar Rebfläche in den Gemeinden Bevagna und Montefalco. Es war der Beginn eines Projekts, das Weinbau, Kunst und Architektur auf eine in dieser Form bislang unbekannte Weise verbinden sollte.
Bereits 2003 kam der erste Montefalco Sagrantino auf den Markt, ein Jahr später folgte der Montefalco Rosso. Das Weingut wuchs schnell — 2006 wurde eine zweite Rebanlage gepflanzt — und machte den Bau eines neuen Kellers notwendig. Den Auftrag übernahm ein enger Freund der Familie: der Bildhauer Arnaldo Pomodoro, einer der bedeutendsten zeitgenössischen Künstler Italiens.
Der Carapace — eine bewohnbare Skulptur als Keller
Was 2005 begann und 2012 eingeweiht wurde, ist bis heute ohne Vergleich: der Carapace, eine kupferverkleidete Kuppelkonstruktion in Form einer Schildkröte, die sich in die umbrische Hügellandschaft einfügt, als wäre sie aus ihr herausgewachsen. Pomodoro ließ sich vom Panzer der Schildkröte inspirieren — für ihn ein Symbol für Stabilität, Langlebigkeit und die Vereinigung von Himmel und Erde. Das Ergebnis ist nach Angaben der Tenute Lunelli die erste Skulptur weltweit, in der tatsächlich gearbeitet und gelebt wird: Kunst und Funktion sind im Carapace nicht zu trennen.
Im Keller setzt sich Pomodoros künstlerische Handschrift fort: Das Innere der Kuppel zeigt das stilisierte Skelett des Tieres, die Gewölbestruktur trägt das unverwechselbare Relief-Muster des Künstlers. Wer den Carapace betritt, tritt in eine seiner Skulpturen ein — und findet darin Stahltanks und Holzfässer, in denen die Weine reifen.
Biologischer Weinbau, Klonselektion und der Griff nach Eleganz
Von Anfang an konzentrierte sich die Tenuta Castelbuono auf die Arbeit im Weinberg. Die Rebflächen wurden auf biologischen Anbau umgestellt; gleichzeitig lief ein umfassendes Projekt zur Klonselektion, um die vorhandenen Bestände zu verstehen und gezielt weiterzuentwickeln. Das erklärte Ziel der Lunellis: den Sagrantino — von Natur aus ein tanninreicher, kraftvoller Rotwein — nicht zu zähmen, sondern ihm Eleganz und Balance zu geben. Dafür wird die Reife der Trauben konsequent ausgereizt, um die Tannine zu mildern, und im Keller setzt man auf Ausbau in großen Holzfässern, die den Wein formen, ohne ihn zu überlagern.
Das Ergebnis sind drei Weine mit klar unterschiedlichen Charakteren: der Carapace als Montefalco Sagrantino DOCG, der bei langer Reifezeit die ganze Tiefe dieser autochthonen Rebsorte zeigt; der Lampante als Montefalco Rosso DOC Riserva mit mehr Zugänglichkeit und Finesse; und der Ziggurat als Montefalco Rosso DOC, der die Frische der Lage betont. Alle drei Weine tragen das Handschrift eines Weinguts, das Umbrien nicht mit dem Blick von außen betrachtet, sondern aus ihm heraus arbeitet.