Von der Cognac-Ruine zum Pionier des Handwerksdestillats
Alexandre Gabriel wuchs auf einem Bauernhof in der südlichen Bourgogne auf, wo sein Großvater Rinder hielt und einen kleinen Weinberg bewirtschaftete. Dieses frühe Verständnis von Terroir und Handwerk prägt bis heute jede Flasche, die unter dem Dach von Maison Ferrand entsteht. 1989 entdeckte Gabriel ein stillgelegtes Cognac-Haus im Herzen der Grande Champagne — der wertvollsten Lage des Cognac-Anbaugebiets — und baute es zur heutigen Maison Ferrand aus. Die Ferrand-Familie, deren Wurzeln in der Region mehr als vier Jahrhunderte zurückreichen, gab dem Unternehmen seinen Namen und seinen Ausgangspunkt. Was als Ein-Mann-Projekt begann, ist heute ein unabhängiger Spirituosenproduzent, der in über 120 Ländern verteilt wird.
Der nächste Schritt folgte aus einer bürokratischen Zwangslage: Die strengen AOC-Regeln des Cognac-Anbaugebiets verpflichten Destillateure, ihre Brennblasen sieben Monate im Jahr ruhen zu lassen. Nach fünf Jahren Verhandlung mit den Behörden erhielt Gabriel die Genehmigung, die ungenutzten Kupferbrennblasen in dieser Zeit für Gin zu nutzen. 1996 erschien Citadelle Gin — lange vor dem Craft-Gin-Boom der nuller Jahre — als erster französischer Craft-Gin überhaupt. Drei Jahre später, 1999, kam Plantation Rum hinzu, heute unter dem Namen Planteray geführt. 2017 erwarb Maison Ferrand die West Indies Rum Distillery auf Barbados und damit eigene Destillationskapazitäten in der Karibik.
Terroir, Kupfer und das Prinzip der doppelten Reifung
Maison Ferrand betreibt mehr als 150 Hektar HVE-zertifizierte Weinberge in der Cognac-Region, vorwiegend in der Grande Champagne, mit den klassischen Rebsorten Ugni Blanc, Colombard und Folle Blanche. Der Cognac reift in 270-Liter-Fässern aus Limousin-Eiche; Gabriel selbst ist Master Blender und verantwortet alle Verschnitte. Für Citadelle Gin baute das Haus am Château de Bonbonnet eine eigene Destillerie, entworfen von Gabriel und errichtet von hauseigenen Steinmetzen. Herzstück sind restaurierte Charentaiser Kupferbrennblasen, die ursprünglich für Cognac gefertigt wurden. Citadelle ist weltweit die einzige Gin-Destillerie, die eigene Wacholderbüsche anbaut — direkt vor dem Château de Bonbonnet — und erntet daraus organische Beeren für ausgewählte Abfüllungen.
Das Herzstück der Rum-Philosophie ist die doppelte Reifung: Die Destillate reifen zunächst mehrere Jahre in Bourbon-Fässern in den Tropen, bevor sie nach Frankreich verschifft und ein zweites Mal in Ferrand-Eichenfässern aus dem Cognac-Bereich gelagert werden. Dieser zweite Reifeschritt in Château de Bonbonnet verleiht den Rums feine tannische Tiefe — ein Verfahren, das Gabriel aus seiner Arbeit mit historischen Rezepten entwickelte, teils in Zusammenarbeit mit dem Spirituosenhistoriker David Wondrich.
Cognac, Gin und Rum — drei Kategorien, eine Handschrift
Maison Ferrand steht für drei klar voneinander abgegrenzte Spirituosen-Welten, die dennoch dieselbe Handschrift tragen: Genauigkeit beim Rohstoff, Handarbeit im Keller, historisches Bewusstsein im Rezept. Ferrand Cognac kommt ausschließlich aus der Grande Champagne und durchläuft Destillation auf der Hefe sowie langen Fassverschnitt. Citadelle Gin arbeitet mit einem patentierten Verfahren der progressiven Infusion, bei dem jede der 19 Botanicals einzeln nach ihrer aromatischen Zusammensetzung eingemaischt wird. Die Planteray-Rums — darunter der Barbados XO, der Isle of Fiji und Stiggins' Fancy Pineapple — stehen für karibische Herkunftsvielfalt, die durch die französische Doppelreifung eine zusätzliche Schicht Komplexität erhält.
Dass die Bartender-Community Maison Ferrand früh entdeckte und zu einem der meistgenutzten Arbeits-Spirituosen hinter der Bar machte, ist kein Zufall: Die Produkte sind auf Charakter ausgelegt, nicht auf Gefälligkeit. Wer sich durch das Sortiment trinkt, bemerkt, dass jede Marke ihren geografischen Ursprung ernst nimmt — vom Kalkstein-Terroir der Grande Champagne bis zur Melasse der karibischen Zuckerrohrfelder auf Barbados.