Vom Stutenbetrieb zum Weingut: Die Geschichte der Familie Waibel
Constantia Glen ist eines der jüngsten, zugleich aber auch eines der aufschlussreichsten Kapitel in der ältesten Weinregion Südafrikas. Die Geschichte beginnt mit Manfred Thurnher, dem Großvater der heutigen Eigentümer: Der österreichische Textilunternehmer aus Dornbirn erwarb das Anwesen in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Die Familie – heute unter dem Namen Waibel bekannt – nutzte das Land zunächst als Stutbetrieb für Red Angus-Rinder. Der entscheidende Wendepunkt kam im Januar 2000, als ein verheerender Buschbrand weite Teile der Vegetation zerstörte und die Evakuierung der Herde erzwang. Dieter Waibel und sein Sohn Alexander nutzten die Zäsur: Sie beschlossen, das Anwesen zu seiner ursprünglichen Bestimmung zurückzuführen und Wein anzubauen. Im September 2000 wurden die ersten Reben gepflanzt. 2005 kamen die ersten Sauvignon Blancs in die Flasche, 2007 folgte die eigene Kellerei mit dem ersten Rotwein-Jahrgang. Der Familienname Waibel steht seither für das Weingut – mit Alexander Waibel als geschäftsführendem Direktor und Gesicht des Betriebs nach außen.
Terroir als Verpflichtung: Weinberg, Keller und Anbauphilosophie
Bevor die erste Rebe in den Boden kam, ließen die Waibels bis zu 160 Bodenprofile auf bis zu drei Meter Tiefe analysieren – um zu verstehen, welche Klone auf welchem Standort am besten gedeihen. Das Ergebnis: ein 60 Hektar großes Anwesen, von dem 29 Hektar bestockt sind, auf 130 bis 270 Meter Höhe am nördlichen Ende des Constantia Valley. Der Sattel zwischen Tafelberg und Constantiaberg verschafft den Weinbergen nachmittägliche Sonne, die der Rest des Tals bereits verloren hat – ein entscheidender Vorteil für die spät reifenden Bordeaux-Rotsorten. Kaltluft vom Atlantik reguliert die Jahresdurchschnittstemperatur auf rund 16 °C; die Niederschläge reichen aus, sodass keine Bewässerung nötig ist.
Die dominierenden Böden aus verwittertem Granit und Tafelberg-Sandstein geben den Weinen ihre mineralische Prägung. Tonreiche Unterschichten speichern Wasser und ermöglichen den Trockenbau ohne Zusatzbewässerung. Im Weinberg setzt Constantia Glen auf biologische Schädlingskontrolle durch natürliche Prädatoren. Im Keller wurde konsequent auf ein reines Schwerkraftsystem gesetzt: Vom Lesegut über die Sortierstation bis in den Gärtank bewegt sich alles ohne Pumpe – außer während der Fermentation. Die Handlese an den welligen Hängen des Constantiabergs ist keine Tradition um ihrer selbst willen, sondern notwendige Voraussetzung für die selektive Beerenlese, die Winemaker Justin van Wyk seit 2011 im Keller weiterführt. Van Wyk, ausgebildet an der Universität Stellenbosch, wurde 2021 zum Diners Club Winemaker of the Year gekürt.
Bordeaux-Stil am Kap: ein klares Sortiment mit vier Weinen
Constantia Glen produziert genau vier Weine – ausschließlich aus eigenen Trauben, im eigenen Keller vinifiziert und abgefüllt, auf 120.000 Flaschen pro Jahr limitiert. Auf der weißen Seite stehen der sortenreine Sauvignon Blanc sowie der Two, eine Cuvée mit Sémillon. Beide profitieren vom kühlen Kleinklima und zeigen die für Constantia typische Frische mit ausgeprägter Säurestruktur. Die Rotweine orientieren sich am Bordeaux: Der Three ist Merlot-dominiert mit Cabernet Franc und Cabernet Sauvignon – zugänglicher, fruchtbetonter. Der Five versammelt alle fünf klassischen Bordeaux-Sorten unter Führung von Cabernet Sauvignon und richtet sich an Trinker, die Struktur und Tiefe suchen. Cabernet Franc spielt in beiden Cuvées eine tragende Rolle und ist laut Alexander Waibel bewusste stilistische Entscheidung. Die Rotweine reifen in französischen Eichenfässern verschiedener Herkünfte. Der Zugriff auf nachmittägliche Sonne im Sattel zwischen den Bergen erlaubt die vollständige phenolische Reife der Blauen, ohne die Frische zu verlieren – das Gleichgewicht aus Frucht, Tanninstruktur und Säure, das Constantia Glen von wärmeren Regionen Südafrikas unterscheidet. Trinktemperatur für die Weißen: 9–11 °C, für die Roten: 16–18 °C.