Vom Parlamentsrat zum Klassifikations-Weingut: drei Jahrhunderte Familiengeschichte
Die Wurzeln von Château Filhot reichen bis in die Jahre 1630 bis 1650 zurück, als das heutige Rebland im Süden der Appellation Sauternes erstmals bewirtschaftet wurde. Den entscheidenden Schritt vollzog Romain de Filhot, Parlamentsrat zu Bordeaux: 1709 ließ er das Château errichten und setzte gleichzeitig durch, dass die Weine der Region künftig unter der Bezeichnung „Sauternes" und nicht mehr als „Vin de Langon" vermarktet wurden — eine begriffliche Weichenstellung, die bis heute nachwirkt. Nach der Französischen Revolution gelangte das Gut über Joséphine de Filhot in den Besitz der Familie Lur-Saluces, die auch Château d'Yquem führte. 1840 vereinigte Romain-Bertrand de Lur-Saluces die Weinberge von Filhot mit dem benachbarten Pineau du Rey und ließ 1845 das Schloss im neoklassizistischen Stil neu erbauen — der weitläufige englische Landschaftspark, den der Gartenarchitekt Louis-Bernard Fischer anlegte, ist bis heute erhalten. Im Klassement von 1855 wurde Filhot als Deuxième Cru Classé eingestuft; ein Stück weit skurril: Danach verkaufte das Gut seinen Wein jahrzehntelang schlicht als „Château Sauternes" — erst 1901 kehrte der Eigenname zurück. 1935 kaufte die Comtesse Durieu de Lacarelle, geborene Lur-Saluces, das Weingut zurück und baute den Rebbestand wieder auf. Seit 1974 liegt die Führung bei der Familie de Vaucelles; heute leitet Graf Gabriel de Vaucelles das Anwesen gemeinsam mit seiner Frau Amicie, die 2017 dazustieß.
Terroir am Südhang, Handlese nach Botrytis-Selektion, Ausbau mit Bedacht
Das Château Filhot liegt am südwestlichen Abhang des Hügels von Sauternes, wo der Ciron — der kühle Nebenfluss der Garonne, dessen Nebel den Botrytis-Pilz begünstigt — das Gut durchquert. Der 350 Hektar große Gesamtbesitz umfasst 62 Hektar Rebfläche; der Rest besteht aus Pinien, Akazien und Weideland. Die Böden setzen sich aus Riss-Kiesen, Ton, Sand und einem kalkhaltigen Untergrund zusammen — eine Kombination, die die für Botrytis cinerea notwendige Wechselfeuchtigkeit begünstigt. Gepflanzt sind zu 60 % Sémillon, 36 % Sauvignon Blanc und 4 % Muscadelle.
Gelesen wird ausschließlich per Hand, in mehreren Durchgängen (tries successives), die nur vollständig botrytisierte Beeren erfassen. Die Gärung erfolgt in thermoregulierten Edelstahlbehältern von 50 Hektolitern, zehn bis dreißig Tage je nach Rebsorte und Konzentration. Rund fünf Monate nach der Gärung wird der erste Assemblage vorgenommen; anschließend reift der Wein in Barriques aus Allier-Eiche sowie in Tanks — etwa 30 % der Fässer werden jährlich erneuert. Der Gesamtausbau dauert rund zwei Jahre. Château Filhot trägt die Zertifizierung Haute Valeur Environnementale Niveau 3 (HVE3).
Frische Liqueur, mineralischer Zug: was das Filhot-Glas verspricht
Was Filhot unter den Sauternes-Klassifizierten unterscheidbar macht, ist weniger Opulenz als Präzision: Der Wein zeichnet sich durch Frische, einen mineralischen Grundton und die Feinheit seiner Süße aus — Honig, kandierte Zitrusschale, reife Quitte und ein Hauch exotischer Frucht, eingebettet in eine Säurestruktur, die trotz aller Konzentration Leichtigkeit bewahrt. Neben dem Hauptwein produziert Filhot mit Château Pineau du Rey ein zweites Gewächs aus jüngeren Reben sowie einen trockenen weißen Bordeaux. Klassisch serviert du Filhot bei 8–10 °C — zum Foie gras, zu Roquefort, zu karamellisierten Desserts oder einfach als eigenständigen Ausklang eines Abends.