Vom Berliner Weinlokal zum Négociant in Friaul
Antonio Bragato ist in Schwaben geboren, in Venetien aufgewachsen und seit Jahrzehnten einer der profiliertesten Vermittler zwischen italienischer Weinkultur und deutschem Publikum. 1990 eröffnete er in Berlin-Charlottenburg seine erste Weinbar, die Enoiteca Il Calice — zunächst in der Giesebrechtstraße, später am Walter-Benjamin-Platz, wo sie zur Anlaufstelle für Kenner im Berliner Westen wurde. Aus dieser gastronomischen Praxis heraus reifte der Wunsch, selbst als Négociant zu arbeiten: Weine zu konzipieren, die er vollständig versteht und verantworten kann. 2004 wurde dieser Plan Wirklichkeit, als Bragato begann, eigene Weine in seiner Herkunftsregion Friaul zu produzieren.
Partnerlagen, erfahrener Önologe im Keller
Antonio Bragato besitzt keine eigenen Rebflächen. Seine Weine entstehen fast ausschließlich aus Trauben des Partnerweinguts Ronco della Rocca, das von Gianni Maccari bewirtschaftet wird. Die Lage Rocca Bernarda liegt im Anbaugebiet Colli Orientali del Friuli, nur wenige hundert Meter von der renommierten Cru-Lage Rosazzo entfernt. Maccari, ausgebildeter Önologe und Agronom, war zuvor zwanzig Jahre lang für die Produktion bei Livio Felluga verantwortlich — einem der Maßstab setzenden Namen des Friaul. Er kümmert sich bei Bragato um Weinberg und Keller gleichermassen. Der Praephylloxera Friulano trägt seinen Namen nicht zufällig: Er stammt von wurzelechten Tocai-Friulano-Reben, die nie auf Reblaus-resistente Unterlagen gepfropft wurden — eine Rarität, die im Friauler Weinbau zunehmend verschwunden ist. Die Vergärung des Friulano erfolgt im Barrique mit einheimischen Hefen, gefolgt von 21 Monaten Ausbau im kleinen Eichenfass.
Bragatos Rolle ist die des Architekten: Er definiert Stil und Konzept, Maccari setzt sie handwerklich um. Diese klare Arbeitsteilung zwischen einem erfahrenen Gastronomie- und Weinkenner einerseits und einem der technisch versiertesten Winzer Friauls andererseits ist das Fundament des Projekts.
Terroirweine zwischen friaulischer Mineralität und nördlicher Präzision
Das Sortiment konzentriert sich auf die klassischen Weißweinrebsorten der Colli Orientali: Friulano, Chardonnay und Sauvignon Blanc. Der Praephylloxera Friulano zeigt, wozu diese autochthone Rebsorte auf alten Wurzeln fähig ist — Aromen von Pfirsich, Zitrus und Mandeln, feine Säurestruktur, ein Tannin im Abgang, das für einen Weißwein ungewöhnlich ist, aber vom langen Barriquekontakt herrührt. Der Rio delle Rose Chardonnay bewegt sich in einem anderen Modus: Kernobst, Apfelzeste, weiße Blüten, am Gaumen druckvoll mit mineralischem Zug und zartem Schmelz. Beide Weine profitieren von etwas Luft im Glas und eignen sich als ernstzunehmende Essensbegleiter — zu Fisch vom Grill, Meeresfrüchten, kräftigem Risotto oder gereiftem Käse. Weinkenner Stuart Pigott hat Bragatos Stil einmal so beschrieben: Weine, die „eindeutig in beiden Kulturen beheimatet" sind — mit der Frische und Mineralität, die man von großen deutschen Weißweinen kennt, und der Beschwingtheit des Mittelmeerraums.