Vom Courtier zum Gründer einer eigenen Maison
Bevor Alain Thiénot 1985 sein eigenes Champagnerhaus gründete, war er fast zwanzig Jahre lang als Courtier unterwegs: Er durchstreifte die Hänge der Champagne, wählte Trauben für die großen, jahrhundertealten Maisons aus und lernte dabei jeden Winkel des Anbaugebiets kennen. Champagner war für ihn kein Neuland, sondern Familiensache – sein Vater hatte die Maison Irroy geleitet, sein Großvater war Glasmacher und stellte die Flaschen dafür her. Mit diesem Rückenwind eröffnete Alain Thiénot sein Haus in der Rue des Moissons in Reims, dem historischen Sitz der Marke, während die Büros heute im nahen Taissy liegen.
Aus der jungen Marke wurde rasch eine Unternehmensgruppe: 1994 kam die Maison Marie Stuart hinzu, 1998 eine Beteiligung an Joseph Perrier, 2003 die Übernahme von Canard-Duchêne – alle unter dem Dach der Groupe Alain Thiénot vereint. Heute führen seine Kinder Garance und Stanislas Thiénot das Haus und tragen den Gründergeist in eine zeitgemäße Handschrift weiter, ohne die familiäre Unabhängigkeit aufzugeben.
Eigene Grand-Cru-Lagen und technische Präzision im Keller
Das Haus bewirtschaftet ein eigenes Rebflächen-Portfolio von rund 27 bis 30 Hektar, zur Hälfte in Grand-Cru- und Premier-Cru-Lagen: in Aÿ und der Côte des Blancs als Grand Cru, in Dizy und Cumières sowie auf den Coteaux südlich von Épernay als Premier Cru. Damit deckt Thiénot mehr als die Hälfte seines Traubenbedarfs selbst ab – eine Basis, die dem Familienbetrieb Kontinuität und Unabhängigkeit von Zukäufen sichert.
Schon beim Aufbau der Produktionsstätte setzte Alain Thiénot auf temperaturregulierte Edelstahltanks, um die aromatische Reinheit der Trauben von Anfang an zu schützen – zur Gründungszeit eine ungewöhnlich moderne Entscheidung. Seit mehr als zehn Jahren nutzt das Haus zudem die sogenannte „Jetting“-Methode beim Verkorken: Beim Verschließen wird eine kleine Menge Wein in den Flaschenhals gespritzt, um Sauerstoff zu verdrängen. Das reduziert Oxidation und erlaubt einen zurückhaltenderen Einsatz von Schwefel im Keller.
Frische, Finesse und ein Sortiment mit familiärer Handschrift
Stilistisch setzt Thiénot auf elegante Frische, Feinheit und ein austariertes Zusammenspiel der Nuancen – bewusst keine Kopie der etablierten, jahrhundertealten Nachbarhäuser, sondern eine eigene, zeitgenössische Linie. Die Basis bilden die Signature-Cuvées Brut, Rosé und Blanc de Blancs, ergänzt um Jahrgangs- und Prestige-Positionen wie die Cuvée Garance (ein Pinot Noir aus der Montagne de Reims) und die Cuvée Stanislas.
Als Kronjuwel gilt „La Vigne aux Gamins“, ein reinsortiger Blanc de Blancs von einer über 60 Jahre alten Parzelle im Grand Cru Avize in der Côte des Blancs – eine winzige, nummerierte Produktion, die dem Haus jedes Jahr aufs Neue Profil verleiht. Wer sich für die Blanc-de-Noirs-Linie aus dem Sortiment interessiert, findet darin die gleiche Handschrift wieder: Trauben aus den eigenen Pinot-Noir-geprägten Lagen rund um Aÿ, vinifiziert mit dem Ziel, Frische und Struktur in Balance zu halten. Serviertemperatur 8–10 °C – ideal als Auftakt eines Essens oder solo zu einem geselligen Anlass.