Vom Mezzadria-Gut zur Familienkantina: 1858 in Toscanella di Dozza
Als die Familie Branchini 1858 das Gut Cardinala in Toscanella di Dozza bewirtschaftete, war das Land zunächst Ackerfeld mit den klassischen piantate — Rebzeilen, die an Feldahorn hochgezogen wurden. Genau in jenem Jahr fand die erste Vendemmia statt, die dem Betrieb bis heute seinen Namen gibt. Branchini 1858 ist damit keine Marketingerfindung, sondern das schlichte Datum des Anfangs. Die Familie war ursprünglich aus der Toskana nach Romagna gezogen und blieb: Seit über 165 Jahren wird dasselbe Gut ohne Unterbrechung von der Familie geführt. Ab 1936 kauften die Branchinis sukzessive weitere Parzellen hinzu, bis die Gesamtfläche auf rund 100 Hektar angewachsen war. Heute liegt die Führung bei den Brüdern Marco und Angelo Branchini — vierte Generation, Winemaker Marco.
Zwischen drei Flüssen: Terroir, Weinberg und Keller
Die Lage ist geografisch präzise beschreibbar: Toscanella di Dozza liegt exakt auf der Grenzlinie zwischen Emilia und Romagna, eingebettet in ein Dreieck aus Rio Sabbioso, Sillaro und Sellustra. Diese drei Flüsse haben über Jahrhunderte den Boden geformt — eine Mischung aus Sand, Ton und Schluff, die auf den Hügelkuppen zunehmend mineralisch wird und vor allem dem Sangiovese Körper und Struktur verleiht. Von den 100 Hektar sind 26 mit Reben bestockt: Albana (5 ha), Pignoletto (5 ha), Sangiovese (4 ha) sowie Trebbiano, Chardonnay, Sauvignon Blanc, Merlot und Cabernet Sauvignon. Die agronomische Philosophie zielt auf das physiologische Gleichgewicht der Rebe — ohne Forzatura, mit selektiver Lese und kontinuierlicher Arbeit an Pflanzabständen und Klonauswahl. Im Keller setzen die Branchinis auf sortenspezifische Vinifikation: Stahltanks für die frischen Weißwein-Cuvées, Barrique-Reifung für den Albana Passito, lange Hefelagerung für die Metodo-Classico-Linie.
Albana, Sangiovese und Lambrusco: Weine auf der Grenze zweier Welten
Das Herzstück des Sortiments ist die Albana di Romagna — jene weiße Rebsorte, die 1987 als erste Weißwein-DOCG Italiens klassifiziert wurde. Branchini gehört zu den Pionieren, die Albana im Metodo Classico ausgebaut haben; der Spumante Brut reift mindestens 36 Monate auf der Hefe. Daneben steht der Passito D'Or Luce, für den die Trauben drei Monate in Kisten getrocknet, anschließend ein Jahr in Barrique und weitere zwölf Monate in der Flasche gereift werden — ein Wein mit Aromen von getrockneten Früchten, Walnuss und einem langen, süßen Abgang. 2022 kürte ihn die Fachpublikation I Migliori Vini Italiani von Luca Maroni zum besten Albana Passito Italiens. Neben der Albana zeigt der Sangiovese di Romagna — in mehreren Ausbaustilen bis hin zu Riserva und Vendemmia Tardiva — wie tief die Bindung an die roten Trauben der Romagna geht. Mit dem Lambrusco dell'Emilia IGP schlägt das Sortiment schließlich die Brücke zur emilianischen Seite: sprudelnd, trocken, gastronomisch. Rund 60.000 Flaschen verlassen jährlich den Keller in Toscanella.