Von den Karten Ludwigs XV. bis zur Familie Castéja
Château La Croix du Casse gehört zu den am längsten belegten Weingütern Pomerols. Bereits auf den Karten des königlichen Geographen Pierre de Belleyme aus dem 18. Jahrhundert ist das Gut verzeichnet — die ersten Reben wurden hier 1775 gepflanzt. Die Domaine am südlichen Rand des Pomerol-Plateaus, direkt an der Grenze zu Libourne, wechselte in der Folge mehrfach den Besitzer, bevor 1956 Georges Audy, ein bekannter Pomerol-Weinhändler und damaliger Eigentümer des Château Clinet, das Weingut erwarb. Er ließ nach dem verheerenden Frostschaden desselben Winters weite Teile des Weinbergs neu bepflanzen.
Sein Schwiegersohn Jean-Michel Arcaute übernahm wenig später die Geschäftsführung und entwickelte das Gut gemeinsam mit dem renommierten Œnologen Michel Rolland weiter — eine Zusammenarbeit, die La Croix du Casse in der Pomerol-Szene rasch bekannt machte. Nach Arcautes tragischem Tod im Jahr 2001 erwarben Philippe Castéja und seine Schwester Chantal Preben Hansen das Château 2005. Die Castéjas brachten nicht nur Kapital, sondern auch tiefes Bordolais-Know-how mit: Die Familie besitzt und verwaltet mehrere Châteaux auf beiden Ufern der Gironde, darunter das Château TrotteVieille, Premier Grand Cru Classé in Saint-Émilion, und das Pomerol-Gut Domaine de l'Église.
Terroir-Respekt, Zertifizierung und handwerkliche Konsequenz im Keller
Das Weingut liegt auf einer Terrasse aus altem Kies und Sand, deren Unterboden eine ausgeprägte Schicht aus crasse de fer — eisenoxidreichem Bodenmaterial — enthält. Dieser eisenhaltige Untergrund ist ein charakteristisches Merkmal des südlichen Pomerol-Plateaus und prägt die strukturelle Dichte der Weine mit. Die 9,5 Hektar Rebfläche, aufgeteilt in neun Parzellen, sind zu 90 % Merlot und 10 % Cabernet Franc bestockt; die Reben weisen ein Durchschnittsalter von rund 35 Jahren auf, die Pflanzungsdichte beträgt 7.000 Stöcke pro Hektar.
Philippe Castéja modernisierte den Keller nach der Übernahme konsequent: Veraltete Betonbehälter wichen temperaturgesteuerten Edelstahltanks, der Weinberg erhielt ein neues Drainagesystem. Im Weinberg werden der Boden bearbeitet und die Reben im Winter geschnitten, um den Saftstrom zu fördern und Holzkrankheiten vorzubeugen. Das Gut hält das Zertifikat Haute Valeur Environnementale 3 (HVE 3) — die höchste Stufe des französischen Nachhaltigkeits-Labels für Weingüter. Im Keller reift der Grand Vin 18 Monate in französischen Eichenfässern, wobei jährlich 50 % der Fässer erneuert werden. Geklärt wird der Wein mit Eialbumin, anschließend wird er regelmäßig abgezogen und vor der Abfüllung je nach Jahrgangsqualität mit dem Zweitwein Les Chemins de la Croix du Casse abgestimmt.
Merlot-Tiefe mit Pomerol-Charakter
Der Stil von La Croix du Casse ist klar an der Appellation ablesbar: viel Merlot-Frucht — reife Schwarzkirsche, Brombeere, ein Hauch dunkle Schokolade — verbunden mit der eisenhaltigen Mineralität des Unterbodens und der Textur, die 18 Monate Barrique-Reifung geben. Die Tannine sind reif und samtig, der Abgang lang und würzig. Zu gebratener Ente, geschmortem Rind oder kräftigem Wild entfaltet der Wein seine volle Breite; auch zu gereiftem Comté oder einem Cassoulet macht er eine gute Figur. Wer Pomerol ohne die großen Preisschilder sucht, findet hier einen Wein, der das Terroir ernsthaft abbildet.