Von Bloomsbury in die Welt: die Gründungsgeschichte der Tanquerays
Charles Tanqueray wurde 1810 in eine Familie von Geistlichen geboren — Vater, Großvater und Großonkel standen alle im Dienst der Kirche. Er brach mit dieser Tradition und eröffnete 1830 gemeinsam mit seinem Bruder Edward eine Destillerie im Londoner Stadtviertel Bloomsbury. Das Ladengeschäft von Edward & Charles Tanqueray & Co. folgte 1838 auf der Vine Street. Aus diesen bescheidenen Anfängen wuchs eine der bekanntesten Gin-Marken der Welt.
Edward starb früh, Charles führte das Unternehmen allein weiter und hinterließ es seinem Sohn Charles Waugh Tanqueray, der 1898 die entscheidende Weiche stellte: Merger mit dem Rivalen Gordon's Gin — zwei Marken, eine gemeinsame Stärke, je eigene Identität. Der Zweite Weltkrieg zerstörte die Londoner Destillerie bei den deutschen Luftangriffen nahezu vollständig. Nur ein einziger Kupferkessel überlebte die Bomben. Er trägt heute den Namen Old Tom und steht in Cameronbridge, Fife, Schottland, wo Tanqueray seit 1995 produziert wird.
Handwerk durch Reduktion: vier Botanicals, eine Destille
Das Herzstück der Produktion ist der historische Kupferkessel Old Tom — nach heutigem Kenntnisstand über 250 Jahre alt und noch immer aktiv im Einsatz. Jeder Tropfen Tanqueray durchläuft vier Destillationen, wobei die Botanicals nicht vormazeriert, sondern direkt zur Basis-Spirituose gegeben und sofort destilliert werden. Diese Technik erzeugt eine klare, helle Extraktion der Aromen ohne schwere Bitternoten.
Was Tanqueray dabei von vielen Zeitgenossen unterscheidet, ist bewusste Beschränkung: Wacholder, Koriander, Angelikawurzel und Lakritze — vier Botanicals, keine mehr. Charles Tanqueray experimentierte mit über 300 Rezepturen, bevor er diese Kombination festlegte. Die Notizbücher aus seinem Archiv zeigen einen Destillateur, der Wacholderbeerenmengen je nach Erntequelle anpasste und alles strich, was nicht funktionierte. Heute ist die genaue Rezeptur noch immer ein gut gehütetes Geheimnis.
London Dry und No. Ten: Stilistik eines Klassikers
Der Tanqueray London Dry Gin ist mit 47,3 % vol. auf Export- und Internationalmärkten abgefüllt — ein bewusst höherer Alkoholgehalt, der dem Gin im Cocktail Standfestigkeit gibt, ohne Mixer zu überwältigen. In der Nase dominiert Wacholder, ergänzt durch einen klaren Zitruston und die würzig-erdige Note der Angelikawurzel. Am Gaumen tritt die Lakritze als weicher Anker hervor; der Abgang ist trocken und lang.
Das Tanqueray No. Ten geht einen Schritt weiter: frische Zitrusfrüchte — Grapefruit, Limette, Orange — werden gemeinsam mit Kamille in einer eigenen kleinen Pot-Still destilliert, bevor sie mit dem Kern-Destillat vereint werden. Das Ergebnis ist eine blumig-zitrusfrische Variante für den klassischen Martini. Beide Expressions — der geradlinige London Dry wie das florale No. Ten — stehen für denselben Ansatz: Destillationsqualität zuerst, Botanicals als Handwerk, nicht als Dekoration.