Vom Gebirge bis zum Meer
Wie unser Rotwein des Jahres entstand
Es gibt Momente, die weit über einen gewöhnlichen Arbeitstag hinausgehen. Momente, in denen aus einer Idee eine Vision wird und aus einer Vision etwas Bleibendes entsteht. Genau so begann die Geschichte unseres Rotweins des Jahres.
Als wir Anfang des Jahres über das bevorstehende 15-jährige Jubiläum von Vinoscout sprachen, war uns schnell bewusst, dass wir diesen Anlass nicht einfach vorbeiziehen lassen wollten. Fünfzehn Jahre sind weit mehr als eine Zahl. Hinter ihnen stehen tausende versandte Pakete, unzählige geöffnete Flaschen, gemeinsame Genussmomente und vor allem Menschen, die uns über viele Jahre ihr Vertrauen geschenkt haben. Viele unserer Kunden begleiten uns seit den ersten Tagen. Sie haben erlebt, wie Vinoscout gewachsen ist, wie sich unser Sortiment entwickelt hat und wie aus einer Idee eine Leidenschaft wurde, die wir jeden Tag leben dürfen.
Ein solches Jubiläum verdient etwas Besonderes.
Natürlich hätte es nahegelegen, einen bestehenden Spitzenwein auszuwählen, ein exklusives Etikett zu gestalten oder eine limitierte Sonderedition aufzulegen. Doch je länger wir darüber nachdachten, desto deutlicher wurde uns, dass all das unserem Anspruch nicht gerecht werden würde. Wenn wir Danke sagen wollten, dann auf die ehrlichste Weise, die wir kennen – mit einem Wein.
Nicht mit irgendeinem Wein.
Sondern mit einem Wein, der genau das verkörpert, wofür Vinoscout seit fünfzehn Jahren steht: außergewöhnliche Qualität, authentische Herkunft und ein Preis-Genuss-Verhältnis, das Menschen begeistert. Ein Wein, der deutlich mehr wert ist, als sein Preisschild vermuten lässt. Ein Wein, den man Freunden voller Überzeugung einschenkt und der beim ersten Schluck die Frage aufwirft: „Moment… was kostet dieser Wein eigentlich?“
Uns schwebte ein Rotwein vor, der keine Extreme sucht, sondern Balance. Kraftvoll genug für einen winterlichen Abend am Kamin oder den Festtagsbraten zu Weihnachten. Elegant genug für Ostern im Kreis der Familie. Und zugleich so frisch und lebendig, dass man ihn an einem warmen Sommerabend leicht gekühlt auf der Terrasse genießen möchte. Ein Wein, der nicht für Punkte geschaffen wird, sondern für unsere Kunden. Für Gespräche. Für Erinnerungen. Für all jene Momente, in denen Wein mehr ist als ein Getränk.
Uns war allerdings ebenso klar, dass wir einen solchen Wein nicht in einer Preisliste finden würden. Er musste entstehen. Gemeinsam mit einem Winzer, der unsere Philosophie teilt und dessen Handschrift wir seit vielen Jahren schätzen. Für uns gab es dafür eigentlich nur einen Namen: Jean-Marc Lafage.
Kaum ein anderer Winzer versteht es so meisterhaft, die Vielfalt des Roussillon in seinen Weinen einzufangen. Seine Familie bewirtschaftet diese einzigartige Landschaft seit Generationen. Zwischen den Ausläufern der Pyrenäen und dem Mittelmeer entstehen hier Weine, die Kraft und Eleganz, Wärme und Frische auf faszinierende Weise miteinander verbinden. Genau dort wollten wir unseren Jubiläumswein erschaffen.
Wenige Wochen später klingelte früh morgens der Wecker. Frank und ich machten uns auf den Weg zum Flughafen Berlin. Während andere mit Koffern voller Urlaubsvorfreude in den Süden reisen, trugen wir vor allem eine Idee mit uns. Wir hatten keinen fertigen Wein im Kopf, kein Rezept und keinen festen Plan. Lediglich die Vorstellung eines Weins, den wir selbst jederzeit mit voller Überzeugung empfehlen würden.
Nach unserer Landung in Barcelona wartete Immanuel bereits auf uns. Nach einer herzlichen Begrüßung verstauten wir das Gepäck im Auto und machten uns unmittelbar auf den Weg Richtung Frankreich. Schon nach kurzer Zeit ließen wir den Trubel der Großstadt hinter uns. Die Straßen wurden ruhiger, die Landschaft weiter und mit jeder Kurve schien sich das Bild zu verändern.
Vor uns erhoben sich beeindruckende Felsformationen, deren Gestein in der Sonne beinahe golden leuchtete. Schmale Straßen schlängelten sich durch karge Täler und über einsame Hochebenen. Die Hänge wirkten rau und unnahbar, fast lebensfeindlich. Und doch entdeckten wir immer wieder Weinberge, deren Reben sich seit Jahrzehnten an genau diesen Böden festhalten. Manche standen auf schroffen Terrassen, andere auf windgepeitschten Plateaus, wieder andere schienen förmlich aus den Felsen herauszuwachsen. Es sind Weinberge, die ihren Winzern nichts schenken und Jahr für Jahr aufs Neue Respekt verlangen. Gerade deshalb entstehen hier Weine von außergewöhnlicher Persönlichkeit.
Je näher wir der Domaine Lafage kamen, desto stärker veränderte sich die Landschaft. Die Berge traten langsam in den Hintergrund. Die Luft wurde milder. Ein feiner Salzgeruch lag plötzlich in der Brise. Und schließlich erschien am Horizont das Mittelmeer. Genau dieses faszinierende Zusammenspiel aus Gebirge und Meer prägt das Roussillon wie kaum eine andere Weinregion Europas. Auf engstem Raum treffen zwei Welten aufeinander und schaffen Bedingungen, die Weinen eine unverwechselbare Identität verleihen.
Für romantische Spaziergänge blieb an diesem Tag allerdings keine Zeit. Kaum hatten wir die Domaine Lafage erreicht, begrüßte uns Jean-Marc mit einem herzlichen Lächeln. Die Freude über das Wiedersehen war groß, doch wir waren alle aus demselben Grund hier. Nach einem kurzen Austausch führte er uns direkt in den Verkostungsraum.
Dort warteten bereits zahlreiche Fassproben auf uns.
Jedes Glas repräsentierte eine andere Parzelle, eine andere Rebsorte, einen anderen Ausbau. Manche Weine zeigten bereits in der Nase ihre dunkle Frucht und mediterrane Würze, andere beeindruckten durch Frische, Eleganz und erstaunliche Finesse. Jede Probe hatte ihren eigenen Charakter, jede erzählte ihre eigene Geschichte. Unsere Aufgabe bestand darin, aus all diesen Geschichten eine neue zu schreiben.
Was viele Weinliebhaber kaum erahnen, ist die unglaubliche Präzision, mit der eine große Cuvée entsteht. Es gibt keine Formel, nach der man einfach einige Prozent dieser und einige Prozent jener Partie miteinander kombiniert. Jede kleinste Veränderung verschiebt das Gleichgewicht des gesamten Weins. Man arbeitet mit Nuancen. Mit Eindrücken. Mit Erfahrung. Mit Intuition.
So begann ein Tag, der von Geduld geprägt war.
Wir verkosteten. Wir diskutierten. Wir notierten. Wir verglichen. Immer wieder wurden Gläser neu gefüllt, Proben neu zusammengestellt und Verhältnisse verändert. Mal bekam eine kraftvolle Partie etwas mehr Raum, mal rückte eine elegante Komponente stärker in den Mittelpunkt. Mehrfach waren wir überzeugt, angekommen zu sein. Mehrfach glaubten wir, nun die perfekte Balance gefunden zu haben. Und ebenso oft entschieden wir uns bewusst dagegen. Wir verwarfen komplette Assemblagen, begannen wieder von vorne und hinterfragten jede einzelne Entscheidung.
Jean-Marc und Rüdiger arbeiteten dabei mit einer beeindruckenden Ruhe. Seine Erfahrung war in jedem Handgriff spürbar. Er hörte aufmerksam zu, brachte neue Ideen ein und erkannte Veränderungen, die für andere kaum wahrnehmbar gewesen wären. Es war faszinierend zu erleben, wie wenige Milliliter eines Fassmusters den Charakter eines gesamten Weins verändern konnten.
Die Stunden vergingen nahezu unbemerkt.
Irgendwann trat jener seltene Moment ein, den man kaum beschreiben kann. Wir probierten erneut. Keiner sagte etwas. Jeder nahm noch einmal einen Schluck. Dann blickten wir uns an.
Es brauchte keine Gespräche mehr, kein Abwägen, kein weiteres Glas. Wir wussten es alle gleichzeitig - das ist er UNSER ROTWEIN DES JAHRES - der Wein war gefunden.
Nicht, weil er spektakulär sein wollte. Sondern weil plötzlich alles stimmte. Kraft und Eleganz standen in perfekter Balance. Dunkle Frucht, feine Würze und seidige Tannine verbanden sich zu einem Wein, der genau das verkörperte, wonach wir gesucht hatten. Ein Wein, der das Roussillon atmete und dennoch unglaublich zugänglich blieb. Ein Wein, den Jean-Marc und wir im selben Augenblick in unser Herz schlossen.
Mit einem Fassmuster unseres frisch entstandenen Weins verabschiedeten wir uns am frühen Abend vom Weingut. Die Arbeit war getan. Nun durfte der Genuss beginnen.
Unsere kleine Pension lag direkt am Meer. Kein großes Hotel, kein Luxus. Nur das Rauschen der Wellen, eine leichte Brise und die wohltuende Ruhe eines langen Tages. Genau dort ließen wir den Abend ausklingen.
Zum Essen kehrten wir im traditionsreichen Le Vigatane in Canet-en-Roussillon ein. Das Restaurant gehört seit vielen Jahren zu den kulinarischen Institutionen der Region und ist bekannt für seine authentische katalanische Küche, die mit großer Sorgfalt regionale Produkte und traditionelle Rezepte verbindet. Zwischen mediterranen Aromen, frischem Fisch, bestem Fleisch und der herzlichen Gastfreundschaft des Hauses ließen wir den Tag Revue passieren.
Natürlich stand auch unser Fassmuster auf dem Tisch. Zum ersten Mal verließen seine Aromen den Verkostungsraum. Zum ersten Mal analysierten wir ihn nicht mehr. Wir genossen ihn einfach.
Vor uns glitzerte das Mittelmeer in den letzten Sonnenstrahlen des Tages. Hinter uns lagen die Berge, durch die wir am Morgen gefahren waren. In diesem Augenblick wurde uns bewusst, dass genau diese beiden Landschaften den Charakter unseres Weins geprägt hatten. Die eine Parzelle lag hoch oben in den Ausläufern der Pyrenäen – geprägt von alten Reben, kargen Böden und beeindruckender mineralischer Tiefe. Die andere befand sich nur wenige Kilometer vom Meer entfernt, wo die kühlende Brise dem Wein Frische, Eleganz und Lebendigkeit verleiht.
Plötzlich sagte einer von uns: „Eigentlich erzählt dieser Wein genau diese beiden Parzellen.“
Für einen kurzen Moment wurde es still, dann nickten wir alle. Der Name war gefunden: "Deux Parcelles" zwei Parzellen, vom Gebirge bis zum Meer.
Am nächsten Morgen trat das Fassmuster gemeinsam mit uns die Reise nach Deutschland an. Im Gepäck befand sich jedoch weit mehr als nur ein neuer Wein. Wir nahmen Erinnerungen mit. Gespräche. Eindrücke. Das Gefühl, gemeinsam mit Jean-Marc Lafage etwas geschaffen zu haben, das es ohne diese Reise niemals gegeben hätte.
Wenn wir heute eine Flasche Deux Parcelles öffnen, denken wir nicht zuerst an Rebsorten oder Analysen. Wir denken an die kurvenreichen Straßen des Roussillon, an die alten Weinberge zwischen Felsen und Meer, an die vielen Stunden am Verkostungstisch und an einen Abend, an dem aus einer Idee ein Name wurde.
Vor allem aber denken wir an unsere Kunden.
Denn ohne fünfzehn Jahre Vertrauen hätte es diese Reise nie gegeben. Und ohne diese Reise gäbe es heute keinen Deux Parcelles.
Vielleicht ist genau das das Schönste an diesem Wein. Er erzählt nicht nur die Geschichte zweier außergewöhnlicher Parzellen. Er erzählt auch unsere.
Frank, Immanuel und Rüdiger.







