Von der Brauerei mit Sonderrecht zur deutschen Brennerei-Legende
Die Geschichte der Brennerei Ziegler beginnt 1865 in Freudenberg am Main – als Brauerei und Gastwirtschaft zugleich. Gründer Gustav Joseph Ziegler hatte sein Handwerk als Bierbrauer und Küfer gelernt, doch das Brauen allein genügte ihm nicht. Er nutzte ein altes Sonderrecht, das dem elterlichen Hof das Destillieren von Branntwein erlaubte, und erwarb schließlich einen dritten Meistertitel: als Destillateur. Dieses Dreifacherbe aus Braukunst, Küferei und Brennerei prägt das Unternehmen bis heute. Über Generationen hinweg, durch Höhenflüge und Krisen, durch zwei Weltkriege und wirtschaftliche Umbrüche, blieb Ziegler an seinem Gründungsstandort in Freudenberg am Main verwurzelt. Seit 2021 führt Andreas Rock die Brennerei; an seiner Seite steht Paul Maier, einer der jüngsten und erfahrensten Brennmeister Deutschlands.
Freudenberg liegt im fränkisch geprägten Norden Baden-Württembergs, eingekesselt von der Mainschleife nahe Miltenberg. Das milde Mikroklima dieser Flusslandschaft und die dichten Streuobstwiesen der Region liefern seit jeher das Ausgangsmaterial für die Destillate – Äpfel, Zwetschgen, Mirabellen, Kirschen, Haselnüsse und Aprikosen.
Handwerk ohne Abkürzungen: Doppelbrand, Holzfass, Geduld
Ziegler arbeitet ausschließlich nach dem traditionellen Doppelbrennverfahren – einem langsamen, präzisen Prozess, bei dem Fingerspitzengefühl und Erfahrung der Destillateure den Ausschlag geben. Nur der sogenannte Mittellauf, das aromatisch sauberste Herzstück des Brandes, findet den Weg in die Flasche. Die Früchte werden vollreif geerntet und unmittelbar weiterverarbeitet, damit sich keine Aromen verflüchtigen – für eine Flasche Mirabellenbrand etwa werden rund zehn Kilogramm Früchte benötigt. Nach der Destillation reifen die Brände je nach Sorte drei bis fünf Jahre, entweder in Edelstahltanks oder in Holzfässern aus Eiche und Kastanie. Die fassgelagerten Varianten – darunter die Alte Zwetschge, die bis zu fünf Jahre in Kastanienfässern verbringt – entwickeln dabei mild-würzige Noten und eine Tiefe, die dem Brand eine eigene Kategorie verschafft. Von der Obsternte bis zur Etikettierung der charakteristisch geformten Flaschen läuft die Produktion in Handarbeit.
Nachhaltigkeit ist für Ziegler kein Marketingbegriff, sondern eine wirtschaftliche Notwendigkeit: Wer auf außergewöhnliches Obst angewiesen ist, hat ein fundamentales Interesse an intakten Streuobstwiesen und verlässlicher Herkunft. Die Wildkirschen für das bekannteste Produkt des Hauses werden von Zapfenpflückern in Süddeutschland von Hand gesammelt – in einer Kooperation, die beiden Seiten nützt: Die Pflücker erhalten die Kirschkerne, die Brennerei die Früchte.
Obstbrand als Herzstück, Whisky und Aperitif als Zeitzeichen
Das Aushängeschild der Brennerei ist und bleibt die Wildkirsche Nr. 1 – seit den 1980er Jahren produziert und der Brand, der Ziegler den Einzug in die Spitzengastronomie öffnete. Heute steht das Sortiment für die gesamte Breite handwerklichen Brennens: Zwetschge, Apfel, Mirabelle, Marille (Aprikose aus der Steiermark und der Wachau), Haselnuss und der Freudenberger Obstbrand als regionaler Klassiker. Wer nach Fassreifung sucht, findet sie in der Alte-Linie; wer klare, fruchtpräzise Destillate bevorzugt, greift zu den ungereiften Varianten aus dem Edelstahltank. Seit 2008 brennt Ziegler auch Single Malt Whisky – eine direkte Reminiszenz an die Brauerei-Wurzeln, denn Sommergerstenmalz aus Franken bildet die Basis. Der Freud Whisky reift in Kastanien- und Ex-Bourbon-Fässern, bevor er ein Finish in Fässern der Alten Zwetschge erhält. Jüngstes Kapitel ist die Co-Creation mit der Lufthansa: Der Ziegler Avionic Aperitif wird seit 2024 auf 30.000 Fuß serviert – und inzwischen auch am Boden.