Gegründet aus Notwehr: Wie 26 Kooperativen 1934 den Weinbau auf Samos retteten
Bis 1934 kontrollierten private Händler den gesamten Weinmarkt auf Samos. Sie kauften den Most von den Winzern zu gedrückten Preisen und verarbeiteten ihn in eigenen Kellereien — die Erzeuger hatten kaum Verhandlungsmacht. Das änderte sich schlagartig, als das griechische Gesetz 6085/1934 die Gründung der Union of Vinicultural Cooperatives of Samos (EOSS) ermöglichte: 26 lokale Kooperativen schlossen sich zusammen und vertraten fortan alle Weinbauern der Insel. Seither liefern die Mitglieder ihre gesamte Ernte verpflichtend an die Union — ein Modell, das den Weinbau auf Samos strukturell absicherte und bis heute trägt. Bereits 1937 erhielt EOSS die erste internationale Auszeichnung; seitdem ist die Liste der Preise auf internationalen Messen und Wettbewerben stetig gewachsen.
Rund 2.200 Winzer, zwei Kellereien, eine Appellation
Heute sind rund 2.200 Weinbauern Mitglied der Genossenschaft. Die Reben wachsen auf terrassierten Hängen des Mount Ampelos im östlichen Ägäis, auf tief drainierten Böden, die die Wurzeln tief in die Erde zwingen. Muscat Blanc à Petits Grains bedeckt etwa 97 % der rund 1.600 Hektar Weinberge — die restlichen 3 % teilen sich die Rotsorten Ritino und Fokiano. Die Ernte beginnt im August und zieht sich bis in den Oktober; kurz vor und während der Lese bewertet das Kellerteam der EOSS die Weinberge der Mitglieder vor Ort.
Die Verarbeitung erfolgt in zwei vollständig ausgestatteten Kellereien: Die Anlage in Malagari nahe der Inselhauptstadt Vathi beherbergt zugleich die Zentrale der Union und — seit 2005 — das Samos Wine Museum in den ältesten Gebäudeteilen des Betriebs. Die Kellerei in Karlovassi übernimmt die Trauben aus den nördlichen Dörfern der Insel. Beide Betriebe arbeiten nach ISO- und HACCP-Zertifizierung und verbinden traditionelle Kellertechnik mit moderner Ausstattung. Die Gesamtkapazität beider Standorte liegt bei 20.000 Tonnen. Rund 80 % der jährlichen Produktion von etwa 7.000 Tonnen Wein gehen in den Export — Frankreich allein nimmt etwa 60 % der Inselproduktion ab, weitere Abnehmer finden sich in Deutschland, den USA, Japan, Australien und vielen anderen Ländern.
Vom klassischen Süßwein bis zum trockenen Muscat: das Stilspektrum der Insel
Der Muscat de Samos trägt eine der ältesten Herkunftsbezeichnungen Europas: die PDO Samos (Protected Designation of Origin). Das Sortiment der EOSS reicht vom Samos Vin Doux — einem durch Mutage (Zugabe von Weinbrand zum Gärmost) aufgespritzten Süßwein mit 15–17 % Alkohol, Aromen von Orangenblüte, Aprikose und getrocknetem Obst — bis hin zu gereiften, oxydativen Stilen sowie trockenen Weißweinen. Der Anthemis, ein im Eichenfass ausgebauter Stil, entwickelt durch mehrjährige Lagerung eine bernsteinfarbene Robe und Noten von kandierter Frucht und Nuss. Wer Samos trocken kennenlernen möchte, findet im Sortiment frische, aromatische Weißweine, bei denen die charakteristische Muscat-Blütigkeit mit maritimer Salzigkeit und lebendiger Säure zusammenspielt. Die Inselherkunft — Meeresbrisen, Höhenlagen, alte Reben — prägt jeden dieser Stile unverkennbar.