Vom Winzer aus der Charente zur Weltmarke des Cognac
Der Gründer war kein Kaufmann, sondern ein Winzer: Rémy Martin, geboren 1695 nahe Rouillac in der Charente, eröffnete 1724 sein eigenes Négoce-Haus in Cognac – und legte damit den Grundstein für eine der ältesten noch aktiven Cognac-Maisons der Welt. Schon 1738 verlieh König Ludwig XV. dem Haus das seltene Privileg, neue Weinberge anzupflanzen – als Anerkennung für die Qualität seiner Eaux-de-vie. Im 19. Jahrhundert weitete Paul-Émile Rémy Martin das Geschäft über Europa hinaus aus: Er erschloss die USA, Asien und den Pazifik und wählte den Zentaur als Emblem der Maison – sein eigenes Sternzeichen, der Schütze. 1924 übernahm die Familie Hériard Dubreuil die Geschäftsführung und spezialisierte das Haus konsequent auf die Edellagen Grande und Petite Champagne. Seit 1991 gehört Rémy Martin zur Rémy Cointreau Gruppe.
Fine Champagne als Prinzip – Keller, Kooperative und Nachhaltigkeit
Was Rémy Martin von den meisten großen Häusern unterscheidet, ist eine strikte Selbstbeschränkung: Seit 1948 werden ausschließlich Cognacs der geschützten Appellation Fine Champagne produziert – ein Blend aus Eaux-de-vie der Grande Champagne (mindestens 50 %) und der Petite Champagne. Beide Lagen stehen auf kreidehaltigem Kalkboden, der den Weinen florale Präzision, Fruchtklarheit und ein langes Reifepotenzial mitgibt. Die Ernte liefert einen trockenen, säurebetonten Grundwein mit 7 bis 9 Prozent Alkohol – die ideale Basis für die Destillation. Gebrannt wird traditionell auf der Hefe, in kleinen Kupferbrennblasen; anschließend reifen die Eaux-de-vie in Eichenfässern aus dem nahen Limousin-Wald.
Die Trauben kommen nicht aus eigenem Besitz, sondern aus einem dichten Partnernetz: Die 1966 gegründete Alliance Fine Champagne ist eine Kooperative mit rund 800 Winzerinnen und Winzern aus Grande und Petite Champagne, die den Großteil des Rohmaterials liefert – eine auf Generationen angelegte Beziehung. Heute hält das Haus das Haute Valeur Environnementale-Zertifikat (Stufe 3) und legt fest, dass alle Partnerwinzer nachhaltige Anbaumethoden verfolgen.
VSOP, XO und die Kunst des Assemblage
Der Kellermeister Baptiste Loiseau – seit 2014 im Amt, Nachfolger von Pierrette Trichet, der ersten Frau in dieser Rolle bei einem großen Cognac-Haus – vereint für jeden Release hunderte verschiedener Eaux-de-vie unterschiedlicher Jahrgänge und Lagen. Der VSOP ist der klassische Einstieg: zugänglich, mit gelber Frucht, Vanille und einer frischen Limousin-Holznote, der jüngste Bestandteil mindestens vier Jahre gereift. Der XO zeigt, wohin Limousin-Eiche und langes Fasslagern führen: getrocknete Feige, Kardamom, dunkle Schokolade, ein dichter, langer Abgang. Beide stehen pur oder auf großem Eis – und fügen sich ebenso in klassische Cocktails wie Sidecar oder Stinger.