Vom Salzhandel zum Cognac-Haus: 15 Generationen in La Rochelle
Die Geschichte von Godet beginnt nicht im Weinberg, sondern auf dem Atlantik. 1588 ließ sich der niederländische Salz- und Weinhändler Bonaventure Godet im Hafenstädtchen La Rochelle nieder und gehörte zu den ersten Händlern, die Wein in „Brandwijn" — gebrannten Wein — umwandelten, um ihn auf langen Seewegen transportieren zu können. König Heinrich IV. gewährte der Familie daraufhin persönlichen Schutz. Den formalen Grundstein als Handelshaus legte 1782 der siebte Nachkomme Gédéon-Louis Godet, der den Namen als Handelsmarke registrieren ließ. Durch die Reblauskatastrophe des 19. Jahrhunderts, durch Prohibition und Weltkrieg — als deutsche Besatzer die Kellerei sequestierten und Jacques Godet die wertvollsten Bestände im Garten vergraben ließ — blieb das Haus in Familienhand. Nach einem kurzen Intermezzo unter amerikanischer Eigentümerschaft holte Jean-Jacques Godet das Unternehmen zurück in die Familie. Heute führen seine drei Söhne Jean-Édouard, Maxime und Cyril Godet das Haus als 15. Generation — am selben Quai in La Rochelle, an dem Bonaventure einst seine Fässer verladete.
Atlantikluft im Keller: Handwerk zwischen Küste und Cru
Was Godet von den meisten Cognac-Häusern trennt, ist nicht nur die Lage, sondern die Konsequenz, mit der sie daraus Stil machen. Die Kellerei liegt direkt am Hafen von La Rochelle — die feuchte, salzhaltige Atlantikluft zieht durch die Lagerhäuser und prägt die reifenden Eaux-de-vie auf eine Art, die im Landesinneren nicht reproduzierbar ist. Jean-Édouard Godet verantwortet als Maître de Chai das Assemblage: Er hat über Jahre eine Sammlung von Hunderten verschiedener Eaux-de-vie aufgebaut und arbeitet nach dem Prinzip, dass die Natur sich im Destillat ausdrücken soll — nicht umgekehrt.
Besonders auffällig ist Godets Rebsortenpolitik. Während die Branche längst auf Ugni Blanc als Standardsorte vereinheitlicht wurde, kultiviert Godet weiterhin alte Sorten wie Folle Blanche, Montils und Colombard — Varietäten, die in Frankreich heute nur noch einen marginalen Anteil an der Gesamtproduktion ausmachen. Dazu kommt ein Bekenntnis zu nachhaltiger Bewirtschaftung, das auf Sortenvielfalt und Bodenqualität setzt. Das Sortiment umfasst auch zertifiziert biologische Abfüllungen, bei denen auf synthetische Zusatzstoffe vollständig verzichtet wird.
Sechs Crus, ein Hafen, ein breites Sortiment
Das Portfolio von Godet spannt den ganzen Cognac-Bogen: von VS- und VSOP-Abfüllungen über Single-Cru- und Single-Grape-Expressions bis hin zu komplexen XO-Assemblages, in denen Eaux-de-vie aus allen sechs anerkannten Crus — Grande Champagne, Petite Champagne, Borderies, Fins Bois, Bons Bois und Bois Ordinaires — zu einem einzigen Blend vereint werden, mit Reifzeiten von zehn bis dreißig Jahren im Eichenfass. Neben Cognac produziert das Haus auch Pineau des Charentes, jenen typisch charentischen Aperitif, der ungärenden Traubenmost mit jungem Cognac verbindet. Godet vertreibt seine Abfüllungen über rund 60 nationale Distributoren weltweit — in limitierten Mengen, auf Bestellung abgefüllt, ohne industriellen Massencharakter.