Vom Schafstall zur Ketchup-Manufaktur: Die Geschichte der Sauerborns
Boris Sauerborn ist gelernter Jurist. Seine Frau Nina war Grundschullehrerin und Waldorf-Pädagogin. Was sie verbindet, ist eine Leidenschaft für ehrliches Essen — und ein Restaurant, das 2010 alles ins Rollen brachte. In Ober-Bessingen bei Lich in Hessen übernahmen die beiden das Gasthaus „Zum Heiligen Stein", benannt nach einem rund 5.000 Jahre alten keltischen Megalithgrab, das 800 Meter vom Haus entfernt über dem Dorf thront. Das Logo — ein Schäfchen auf dem Stein, entworfen von Boris Sauerborns Schwester — erzählt von diesen Anfängen: eigene Schafherde, eigenes Backhaus, Kräutergarten, Hühnermobile, Imkerei. Pestos, Eierlikör und Holunderblütensirup entstanden für die Gäste, lange bevor der erste Ketchup in ein Glas lief.
Den Anstoß gab eine Lammbratwurst. Serviert als Currywurst, begeisterte sie die Gäste — aber nicht wegen der Wurst, sondern wegen der Currysauce dazu. Die Gäste wollten sie kaufen. Ab 2017 nahmen die ersten Einzelhändler das Produkt ins Sortiment. Heute steht der Ketchup bei über 600 Wiederverkäufern in Deutschland, dazu kommt ein eigener Online-Shop. Nina Sauerborn stieg 2018 aktiv ins Geschäft ein und verantwortet seitdem Buchhaltung, Social Media und den Versand. Die drei Kinder der Familie helfen im Lager und beim Etikettieren mit — der Betrieb ist geblieben, was er von Anfang an war: ein Familienprojekt.
Handwerk statt Formel: Rohstoffe, Rezeptur und ein strenger Qualitätsanspruch
Was in den Ketchup kommt, verraten die Sauerborns nur ungefähr — die Rezeptur bleibt Betriebsgeheimnis. Was bekannt ist: Für 100 Gramm Ketchup werden 400 Gramm Tomaten verarbeitet, ausschließlich sonnengereifte Früchte aus Norditalien. Gesüßt wird mit unraffiniertem Rohrzucker, der einen leichten Karamellton mitbringt. Rotweinessig mit Himbeersaft sorgt für die Säurestruktur. Geschmacksverstärker oder Verdickungsmittel sucht man vergeblich — der hohe Tomatenanteil macht beides überflüssig. Abgefüllt wird in Glas, nicht in Plastik. Das war von Anfang an Programm: Das Produkt sollte zur gehobenen Gastronomie passen, aus der es stammt.
Neben dem Ketchup produziert die Manufaktur im kleinen Maßstab Fruchtaufstriche. Dafür hat Boris Sauerborn einen Obstgarten mit Äpfeln, Quitten, Weinbergpfirsichen und weiteren Sorten wiederbelebt und stark ausgebaut. Die Ernte schwankt — Produktionsmenge und Verfügbarkeit richten sich nach dem, was die Natur hergibt. Daneben hält er neun Bienenvölker. Das klingt nach Hobby, ist aber konsequente Fortsetzung einer Grundhaltung: gute Zutaten selbst erzeugen, wo es geht.
Fünf Sorten, fünf Auszeichnungen: das Sortiment im Überblick
Am Anfang stand „Ketchup würzig" — das Grundrezept aus dem Restaurant, das die ersten Gäste zum Kaufen brachte. Aus Kundenwünschen entstanden mild und scharf als eigenständige Varianten, später folgten rauchig (mit natürlichem Hickory-Raucharoma und Preiselbeeren, entwickelt als Antwort auf den Grillabend) und trüffelig (mit bewusst zurückhaltendem Trüffelaroma, kein lautes Statement, sondern ein feiner Akzent). 2025 wurden beim britischen Great Taste Award erstmals alle fünf Sorten prämiert: „Würzig" und „Rauchig" erhielten je zwei Sterne, „Mild", „Scharf" und „Trüffelig" je einen Stern. Dass ausgerechnet die Kinder der Manufaktur besonders stolz auf diese Auszeichnungen sind, passt zur Geschichte des Hauses: Hier schmeckt man, was gemeinsam entstanden ist.