Vom Pisco-Tal zum Hochgebirgs-Weingut: Die Flaño-Familie in Alcohuaz
Der Weiler Alcohuaz im oberen Elqui-Tal war lange vor allem eines: Rohstofflieferant für Pisco, den Tresterbrand, der Chilenen und Peruaner seit Jahrhunderten entzweit. Dass hier Wein von internationalem Format entstehen könnte, war 2005 eine Wette gegen jede Konvention. Álvaro Flaño und sein Sohn Patricio gingen sie trotzdem ein — auf die Intuition, dass die nährstoffarmen Granitböden in über 2.000 Metern Höhe das Potenzial für außergewöhnliche Weine tragen. Mit Beratung durch den Ampelographen Eduardo Silva pflanzten sie Syrah, Garnacha, Carignan, Malbec, Petit Verdot und weitere mediterrane Sorten an Hängen, die zuvor noch niemand als Feinweinlagen betrachtet hatte. Weinbau hat es im Alto Elqui zwar schon über hundert Jahre gegeben — doch Viñedos de Alcohuaz war das erste Weingut, das daraus konsequent Qualitätswein machte.
Von Beginn an holten sich die Flaños lokales Wissen ins Haus: Juan Luis Huerta und seine Frau Helia Rojas brachten die Kenntnis der nördlichen Andenlandschaft mit. Als Kellermeister stieß Marcelo Retamal dazu, den die chilenische Weinszene als einen ihrer erfahrensten Handwerksmacher kennt — zuvor Mastermind hinter De Martino und über 350 Weinbergsstandorten im ganzen Land.
Granitlagare, Spontangärung, Schwerkraft: Konsequent minimale Intervention
Das Terroir des Alto Elqui zwingt zur Demut. Auf dem 30. südlichen Breitengrad, zwischen 1.650 und 2.206 Metern Höhe, herrscht nahezu Wüstenklima: kaum Niederschlag, intensive UV-Strahlung, extreme Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht. Einzige Wasserquelle ist das Schneeschmelzwasser der umliegenden Andengipfel, das in den Granituntergrund sickert. Diese Bedingungen erzeugen Beeren mit ungewöhnlich dicker Schale — und genau das prägt den Stil der Weine.
Im Weinberg wird ausschließlich organisch gearbeitet, ohne Zertifizierung, aber von Beginn an konsequent. Im Keller gilt das Prinzip place over process: Jede Sorte wird per Hand gelesen und in steinernen Granitlagaren mit den Füßen gestampft — kein Pumpen, kein Strom. Die Gärung erfolgt mit natürlichen Hefen. Anschließend fließt der Most per Schwerkraft in Betonei, Stockinger-Foudres oder französische Eichenholzbehälter. Eingriffe werden auf das absolute Minimum reduziert, damit der Charakter des Ortes im Glas erhalten bleibt.
Syrah, Garnacha, Mezcla Tinta: Mediterrane Rebsorten auf Andengranitböden
Was Viñedos de Alcohuaz im Glas liefert, ist nicht zu verwechseln: Die Weine haben die Spannung und Frische, die extreme Höhenlagen der Säure schenken, kombiniert mit der Kraft, die 300 Sonnentage im Jahr in den Beeren konzentrieren. Syrah, Garnacha und Carignan — auf Carignan-Lagen um 2.188 Meter zählen die Reben zu den höchsten Anpflanzungen dieser Sorte weltweit — zeigen hier ein völlig anderes Gesicht als in ihren südeuropäischen Heimatregionen: weniger Gewicht, mehr mineralische Präzision, aromatische Dichte ohne Schwere. Das Sortiment reicht vom Cuvée-Wein RHU mezcla tinta — einer Assemblage rund um Syrah — bis zum rebsortenreinen TOCOCO Syrah. Wer mediterrane Rotweine neu kennenlernen möchte, findet hier eine der überzeugendsten Antworten auf die Frage, was Altitude-Viticulture wirklich bedeutet.