Vom Bordeaux-Négociant zum Médoc-Klassiker: die Geschichte der Bories
Die Wurzeln von Château Grand-Puy-Lacoste reichen bis ins 16. Jahrhundert zurück, als erste Reben auf dem leichten Kiesrücken oberhalb der Gironde gepflanzt wurden. Der Name des Guts trägt diese Herkunft in sich: Puy bezeichnet im Französischen eine Erhebung im flachen Land — ein seltener topografischer Vorteil im Médoc. Der Namenszusatz Lacoste erinnert an jene Familie, die das Gut im 18. Jahrhundert formte und das heutige Château 1855 erbaute, genau im Jahr der berühmten Bordeaux-Klassifikation, in der Grand-Puy-Lacoste als Cinquième Grand Cru Classé eingestuft wurde.
Seit 1978 gehört das Gut der Familie Borie — eine Weinhandelsdynastie, die Ende des 19. Jahrhunderts aus dem Corrèze nach Bordeaux zog und sich mit Weingütern wie Château Ducru-Beaucaillou in Saint-Julien einen festen Platz im Médoc erarbeitete. Jean-Eugène Borie übernahm Grand-Puy-Lacoste von Raymond Dupin, und seit 2003 leitet sein Sohn François-Xavier Borie das Château. Er lebt mit seiner Frau Marie-Hélène das ganze Jahr über auf dem Gut — eine Seltenheit in Bordeaux. Die nächste Generation ist bereits aktiv: Tochter Emeline Borie trägt Verantwortung für Marketing und Kommunikation.
Terroir-Ausdruck vor Technik: Weinbau und Kellerarbeit
Das 55 Hektar große Weinberg-Tableau liegt als weitgehend zusammenhängendes Plateau auf dem Kiesrücken von Pauillac. Bepflanzt mit 75 % Cabernet Sauvignon, 20 % Merlot und 5 % Cabernet Franc, mit einer Stockdichte von 10.000 Reben pro Hektar. Der tiefgründige Kiesboden — aus Pyrenäen-Geröllen, die die Garonne über Jahrtausende ablagerte — sorgt für exzellente Drainage und eine gleichmäßige Wärmespeicherung, die Cabernet Sauvignon zur langsamen, aromatisch dichten Reife treibt. Bemerkenswert: Die Weinbergsfläche und -zusammensetzung sind seit der Klassifikation von 1855 unverändert geblieben.
Im Keller steuern 43 temperaturgeregelte Gärbehälter unterschiedlicher Größe die Vinifikation parzellengenau. Die Gärung läuft bei maximal 28 Grad, mit sanften Umpumpvorgängen; die anschließende Maischestandzeit dauert rund zehn Tage. Beratender Oenologe ist Éric Boissenot, einer der renommiertesten Kellerberater des Médoc. François-Xavier Borie setzt auf kontinuierliche Investitionen: Eine Kellerrenovierung 1997 brachte Thermoregulierung, ein neues Barriquekeller folgte 2003, und für 2025 wird erstmals Schwerkraftförderung eingeführt — um mechanische Belastung der Maische weiter zu reduzieren. Parallel dazu senkt das Gut die Gesamtproduktionsmenge, um Qualität konsequent vor Volumen zu stellen.
Klassischer Pauillac-Stil — und der Zweitwein Lacoste-Borie
Grand-Puy-Lacoste steht für den archetypischen Pauillac: eine kraftvolle Cabernet-Sauvignon-Struktur, die Frische und Länge bringt, abgerundet durch Merlot-Schmelz. In jungen Jahrgängen dominieren Schwarzkirsche, Cassis und Graphit; mit Kellerreife treten Tabak, Zedernholz und eine feine Unterholznote hinzu. Die Tannine sind fest, aber feinkörnig — kein Breitformat, sondern präzise Kontur. Der Zweitwein Lacoste-Borie folgt derselben Handschrift, ist jedoch zugänglicher geschnitten und zeigt die Stärken des Terroirs in einem früher trinkbaren Rahmen. Beide Weine können seit dem Jahrgang 2020 auch in sogenannten Variation Cases bezogen werden — gemischten Kartons, die einen direkten Vergleich beider Cuvées ermöglichen.