Pionierarbeit seit 1858: Bordeaux-Technik trifft Rioja Alavesa
Als Camilo Hurtado de Amézaga, 6. Marqués de Riscal, 1858 die Bodega in Elciego gründete, war sein Ziel ungewöhnlich konkret: die Kellertechnik des Médoc in die Rioja bringen. Er holte Jean Pineau, Kellermeister von Château Lanessan im Haut-Médoc, nach Álava und ließ 9.000 Rebstecklinge von Cabernet Sauvignon, Merlot, Malbec und Pinot Noir einführen. 1862 verließ der erste je in Flaschen abgefüllte Rioja-Wein den Keller – ein Meilenstein, der den spanischen Weinexport auf eine neue Grundlage stellte. 1895 erhielt das Haus als erstes nicht-französisches Weingut das Diplôme d'Honneur auf der Exposition Internationale de Bordeaux. Heute führen Nachkommen der Gründerfamilie – darunter Francisco Hurtado de Amézaga als technischer Produktionsdirektor – das Weingut weiter.
1972 setzte Marqués de Riscal erneut ein Zeichen: Als erstes Weingut überhaupt baute es in Rueda eine Bodega auf und legte damit den Grundstein für eine der heute bekanntesten spanischen Weißwein-Appellationen.
Ökologischer Weinbau und Rebstock-Verjüngung als Strategie
Marqués de Riscal bewirtschaftet rund 540 Hektar eigene Weinberge in der Rioja Alavesa sowie weitere 330 Hektar in Rueda. Alle Eigenlagen in Rueda sind seit 2018 EU-bio-zertifiziert, und in der Rioja Alavesa ist das Haus nach eigenen Angaben der Betrieb mit den meisten Hektar unter ökologischer Bewirtschaftung. Das Konzept dahinter ist pragmatisch: Ohne Kunstdünger und Pestizide durchwurzeln die Rebstöcke tiefere Bodenschichten, nehmen mehr Mineralien auf und entwickeln eine ausgeprägtere Terroir-Typizität. Seit 1995 verfolgt das Gut zudem ein systematisches Wiederveredlungsprogramm – Jungstöcke werden mit Edelreisern alter Reben gepfropft, um deren Charakter zu erhalten und die Klimaresilienz zu verbessern. Photovoltaikanlagen auf dem Riojaer Weingut ergänzen das Ziel der Energieautarkie. Sichtbarster Nachhaltigkeitsschritt nach außen: Die traditionsreiche goldene Drahtgaze, seit dem 19. Jahrhundert Erkennungszeichen der Reserva-Flasche, wurde jüngst abgeschafft – rund 14.000 Kilo Messigdraht pro Jahr werden damit eingespart.
Tempranillo, Verdejo und das Erbe der Barriques
Die Rioja-Rotweine von Marqués de Riscal ruhen auf einer Basis aus Tempranillo, ergänzt durch Graciano und – haushistorisch bedingt – einen Anteil Cabernet Sauvignon aus den im 19. Jahrhundert angepflanzten Bordeaux-Reben. Die klassische Reserva reift in amerikanischer Eiche und zeigt die für Rioja Alavesa typische Kombination aus roter Frucht, Vanille und strukturierter Säure; die Gran Reserva verlängert den Ausbau und gibt den Tanninen mehr Zeit zur Integration. In Rueda setzt das Haus auf Verdejo und Sauvignon Blanc – frische, aromatisch präzise Weißweine, die von den kalkhaltigen Lehm- und Eisentonböden der Hochlagen profitieren. Das historische Flaschenarchiv im Originalgebäude von 1860, das jeden Jahrgang seit 1862 bewahrt, steht als greifbares Symbol für das Selbstverständnis des Hauses: Kontinuität als Handwerk, nicht als Marketing.